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Freitag, 22. März 2019

 

Mit dem Befreiungskrieg gegen Napoleon beginnt die neue Zeit auch im Weser-distrikt. An der weltgeschichtlichen Entscheidungsschlacht von Waterloo, in der hannoversche und braunschweigische Truppen sich besonders auszeichneten, nahmen 19 in Hehlen geborene Männer als Soldaten teil. Ihnen wurde für die Teilnahme an dieser großen Schlacht die aus der Bronze von eroberten Geschützen geprägte Waterloo-Medaille verliehen. Außer einem Unteroffizier (beim 1. Linien-bataillon der Infanterie) handelt es sich bei den aus Hehlen stammenden Waterloo-Medaillen-Trägern um einfache Soldaten. Von den 18 einfachen Soldaten kämpften drei bei der Avantgarde (Vorhut), vier bei den Linienbataillonen der Infanterie, zehn bei den Jägerbataillonen und zwei als Husaren.

Seit dem vorigen Jahrhundert verwandelt sich Hehlen durch wirtschaftlich-soziale Reformen sowie durch die Industrialisierung in wenigen Jahrzehnten in ein modernes Dorf.

Als erstes verschwindet 1807 das damals völlig unzeitgemäße Adlige Gericht als privater Justiz- und Verwaltungsbezirk. Schon seit 1787 konnte der Justizbeamte in Ottenstein das benachbarte Gericht Hehlen unter Zustimmung der Grafenfamilie mit verwalten. An seine Stelle tritt als staatliche Verwaltungsbehörde das Amt Ottenstein und ab 1850 die Kreisdirektion Holzminden. Die Ortspolizei übte das Rittergut aber noch bis 1850 aus. Im Jahre 1830 wird das Rittergut in das Dorf Hehlen eingemeindet. 1872 dann auch der Schulenburgische Forst (Westteil). Dadurch wurde dieses Dorf die Gemeinde mit der (1948/1949) zweitgrößten Waldgemarkung (530 Hektar) im Landkreis Holzminden. Von 1865 bis 1931 war das Gut ein Fideikommiss. Die Bauernbefreiung, d. h. die wohltätigen großen Agrarreformen zogen sich bis 1870 (Separation) und 1893 (Forstberechtigungsablösung) hin. Sie befreiten den bäuerlichen Grundbesitzer von der Abhängigkeit vom Gutsherrn sowie den gutsherrlichen Lasten und gestalteten die Dorfgemarkung nach modernen Grundsätzen völlig um. Der Bauer wurde nun freier Eigentümer von modernen, zusammenhängenden Betriebsflächen, wahrend er vorher nur eine Art erblicher Zeitpächter des Gutsherrn gewesen war. Doch ging die Bauernbefreiung wiederum nicht ohne Streitigkeiten zwischen dem Grafen und der Gemeinde ab. So drängte die Gemeinde im Jahre 1838 bei der herzoglichen Staatsregierung auf die baldige Ablosung des von Karl dem Gro6en eingeführten Zehnten, weil der Graf diese total veraltete Abgabe noch möglichst lange einziehen wollte. Wenige Jahre später prozessierte die Gemeinde mit den Gutsherrn, weil dieser ihr das zustehende Bau- und Brennholz aus dem Walde nicht in vollem Maße verabreichen ließ. Die Grafen von der Schulenburg besaßen ja nicht nur das größte Rittergut (im Jahre 1863: 4241 Morgen, im Jahre 1945: 800 Hektar) sondern auch den größten Privatforst im Landkreis Holzminden (1865: 460 ha, davon in der Gemarkung Hehlen: 393 ha; noch im Jahre 1950: 343 Hektar). Die Gemeinde jedoch halte niemals Wald besessen, sondern bekam von den gräflichen Förstern das Notwendige zugewiesen. Als Abfindung für die den Gemeinden zustehenden Forstberechtigungen mußte das Rittergut 1893, nach zwei Prozessen, die Hälfte seines Forstbesitzes an diese Gemeinden abtreten, die nun erstmals Waldbesitzer wurden. Danach gab sich die neu entstandene Forstgenossenschaft Hehlen-Daspe-Frenke im Jahre 1894 ein Statut. Sie besaß i. J 1903 immerhin 193 ha Wald. lm Jahre 1932 war die Forstinteressengemeinschaft Hehlen-Daspe anscheinend die zweitgrößte im Landkreis. Die Hehlener Gemeindegemarkung umfaßt im Jahre 1870: 1005 Hektar, 1947: 978 Hektar.

Trotz dieser Fortschritte herrschte bei den Nebenerwerbsbauern sowie besonders bei den haus- und landbesitzlosen Häuslingen in Hehlen im vorigen Jahrhundert jahrzehntelang bittere Not. Die Vollbauern waren ja nur eine Minderheit im Dorf: um 1870 gab es hier nur 26 Vollbauernstellen, aber 53 unterbäuerliche Stellen und 104 arme Häuslinge. Bereits zwanzig Jahre vorher (1850) waren 50 Häuslinge arbeitslos und 40 Webstühle standen still. Hehlen galt damals als ärmster Ort im Amte Ottenstein. Jüngere Häuslinge mußten sich weit auswärts heim Eisenbahn- und Kanalbau im nördlicheren Niedersachsen ihr Brot verdienen. Die Häuslinge zählten zur Tagelöhnerklasse. Doch das Gut und die wenigen größeren Bauern konnten Tagelöhner nur in geringer Zahl beschäftigen (um 1843). Der Notstand im Ort wird durch die erschütternde Tatsache unterstrichen, daß im Verlauf von nur
23 Jahren bis 1869 nicht weniger als 75 Personen, darunter Eltern mit Kindern, aus Hehlen nach Amerika auswanderten.

Erst durch die Industrieansiedlung mit ihren neuen Arbeitsplätzen änderte sich diese Situation seit Ende des vorigen Jahrhunderts.

Noch um 1903 galten die Vermögensverhaltnisse der meisten Einwohner als "nicht besonders", obwohl damals neben Landwirtschaft und Gutsbetrieb die "Dampflohgerberei Winnefeld" (vormals Sander) und die Mergelgrube Arbeitsplatze boten. Der Ertrag des vielen Berglandes war nicht gut und an Armenunterstützung mußte die Gemeinde um diese Zeit jährlich 982 Mark aufbringen. Sieben Jahre später hatte sich das Bild verändert: Die Armenunterstützung war auf 620 Mark abgesunken und die Einwohner "lebten vorwiegend in geordneten, teils in guten Vermögensverhältnissen". Denn jetzt gab es florierende Fabriken im Dorf, die wir naher betrachten wollen.

Die beiden gräflichen Wassermühlen gelangten durch Kauf in Privathand und wurden erst nach des Zweiten Weltkrieg stillgelegt. Aus der alten gräflichen Papiermühle, einem echten frühen Industriebetrieb, die seit 1832 in der Hand des Papierfabrikanten Huchthausen aus Sievershagen war, entwickelte sich um 1870 durch Verkauf an einen Ortsansässigen die Papierfabrik Ludwig Wemmel in Hehlen. Sie bestand 1917 aus mehreren Gebäudekomplexen ("Alte Fabrik" am Mühlengraben, "Neue Fabrik" am Sievershagener Bach) und beschäftigte damals etwa 85 Arbeiter und Arbeiterinnen. Im Ersten Weltkrieg stellte sie neben Pappen als kriegswichtige Sprengstoffabrik auch Schießbaumwolle her. Rohstoff für die Pappen waren damals Papier sowie Baumwoll- und Stoffabfälle aus Holländischen Wollfabriken. Auch stellte Wemmel Wollfilzersatz her. Um 1922 beschäftigte seine Fabrik rund 100 Arbeiter. Nach einem Konkurs ging sie 1929 in andere Hände über und bestand noch nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1961 als Papierfabrik Sievert. Der Mergelbruch-besitzer Reitemeyer gründete 1905 in Hehlen die Kalk- und Mergelwerke, die hochwertigen Rohstoff abbauten und frachtgünstig an der Weser lagen. Auf dem ersten Bauplan sind ein Kalkofen, eine Mühle, ein Lokomobil, Schuppen, Silo und Kontor eingezeichnet. Bald nach der Gründung beschäftigte dieses Werk 130 Arbeiter, wovon 40 in sogenannten Werkskasernen untergebracht waren. Wohnungsknappheit machte sich um 1911 im Ort durch die im Kalkwerk Beschäftigten breit. Den vormals Sieversschen Steinbruch in Daspe hatte das Werk 1912 angekauft und ein Jahr später waren dort 30 Mann beschäftigt. Schon 1891 bestand eine größere Lederfabrik Georg Sander (später Winnefeld) in Hehlen, die zweimal in Konkurs ging und seit 1909 stillag. Sie war gut eingerichtet mit zwei Farbenhausern und einem Maschinenhaus mit zwei Dampfmaschinen. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges hatte die Heeresverwaltung dort Guter eingelagert. Im Jahre 1911 kaufte der Ledergro6handler Heimann in Berlin die Fabrik. Er wollte sie wieder in Gang setzen und schrieb 1913 an die Kreisdirektion Holzminden, daß die Hehlener Arbeiter und Gewerbetreibenden das sehr wünschten. Nur der Graf von der Schulenburg kämpfte mit allen Mitteln zugunsten der Landwirtschaft gegen die Industrie in Hehlen an und übte Druck auf von ihm Abhängige aus. Aber erst 1920 konnten die Braunschweigischen Lederwerke Heller den Betrieb in dieser Fabrik aufnehmen, die um 1932 ed. 180 Mitarbeiter beschäftigte und damals der größte Möbellederhersteller in Europa war - mit eigenen Verkaufsstellen und Niederlassungen im In- und Auckland. Durch diese drei Fabriken verwandelte sich Hehlen, von einem Bauern- und Gutsdorf zu einem ländlichen Industriestandort und einer Arbeiterwohngemeinde. Heute ist es einer der gewerblichen Schwerpunkte des Landkreises und ein Nebenzentrum der westlichen Ottensteiner Hochfläche. Mit Ottenstein wurde Hehlen 1832 durch den Bau einer festen Straße über Sievershagen verbunden. Erst 1885 wurde die Straße Brökeln-Hohe-Ernestinental-Ottenstein angelegt.

Dieser Wandel zur Industriegemeinde spiegelt sich eindrucksvoll in der Beschäftigungsstruktur nach 1945:

106 in landwirtschaftlichen Betrieben Beschäftigte (1960/61)
410 Beschäftigte in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben
(davon 110 in Handwerksbetrieben) (1960/61)
58 ständig in der Landwirtschaft Beschäftigte
(bei 53 Betrieben) (1979)
54 nichtlandwirtschaftliche Arbeitsstätten mit 400 Beschäftigten (1970)
571 Berufspendler, davon 203 Einpendler und
368 Auspendler (1970)

Noch immer existiert die uralte Fähre, gegenwärtig neben Polle die einzige Wagenfähre im Landkreis. Für das Jahr 1592 ist ein schweres Fährunglück bezeugt. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts gab es noch zwei Fahren: die obere Gutsfähre und die mit ihr konkurrierende untere bei Daspe. Die untere Fähre kaufte der Graf 1821, ließ sich eingehen und verlegte die obere an die Stelle der unteren Fahre. Im Jahre 1882 wurde die Fahre dann an Grundbesitzer in Daspe verkauft. Sie hatte damals noch lebenswichtige Lokalbedeutung für die Bewohner von Daspe, die in Hehlen ihre Kirche, Schule, Post usw. aufsuchen mu6ten. Für den Durchgangsverkehr war sie schon bedeutungslos. Für Hehlen selbst war die Fahre zu dieser Zeit nur noch dadurch interessant, daß die übersetzenden Dasper dem Dorf Einnahmen brachten.

Ungleich verkehrsbedeutsamer war für unseren Ort die private Nebenbahn Vorwohle-Emmerthal sei 1900: so wurden in Hehlen im Jahre 1948 nicht weniger als 50.000 Fahrkarten verkauft und 30.000 Güterwagenladungen umgeschlagen.

Auch bei den öffentlichen Einrichtungen zog der Fortschritt ins Dorf ein: Die Postanstalt in Hehlen nahm 1878 den Telegrafen- und Fernsprechbetrieb auf. Schon 1893 wird die Hehlener Spar- und Darlehenskasse gegründet. Dennoch waren die Schulverhältnisse noch um 1900 "trostlos", denn nur zwei Lehrer unterrichteten in drei Klassen 300 Schüler.

Es fehlt die Zeit, um auf die Vereine und das gesellige Leben im Dorf einzugehen. Erwähnt sei jedoch, daß 1879 die Ortsfeuerwehr schon 52 Mann stark war und über je eine fahrbare Spritze mit und ohne Saugwerk verfügte. Fünfundzwanzig Jahre später waren die Ausrüstungen der Männer durch "Gebrauch, Brandschaden und Mottenfraß ... abgängig geworden", wobei die Helme - ehemalige Bayerische (!) Infanteriehelme - besonders erwähnt wurden. Um 1903 bestand als Verein die welfisch-monarchistische "Altbraunschweigische Vereinigung". Graf Werner von der Schulenburg (1847 - 1931) war sogar Landesvorsitzender der "Braunschweigischen Rechtspartei", einer Splitterpartei. Als 1903 anscheinend Mitglieder der Hehlener Welfenvereinigung bei der Reichstagswahl dem Kandidaten der SPD ihre Stimme gaben, erging an sie die Aufforderung, aus dem Verein auszutreten. Daraufhin schied ein Drittel der 60 Mitglieder aus. Der Ortsverein der SPD konnte nach dem Zweiten Weltkrieg in Hehlen sein sechzigjähriges Bestehen feiern.

Werfen wir zum Abschluß noch einen Blick auf einige Ereignisse im 20. Jahrhundert.

Im Jahre 1909 setzte der braunschweigische Herzog-Regent während seiner Bereisung des Landkreises Holzminden bei Daspe mit der Fähre nach Hehlen über, wo Aufstellung genommen hatten: Gemeinde- und Kirchenvorstand, Feuerwehr, Gesangvereine, Liedertafel sowie Schulkinder aus Hehlen, Daspe, Hohe und Brökeln mit ihrem Lehrer. Einige Untertanen wurden durch gnädige Ansprache ausgezeichnet. Der Herzog, vorletzter Landesherr in einer versinkenden feudalen Zeit, kam schon mit dem Automobil!

Das alte ländliche Dorfgefüge löste sich um die Jahrhundertwende auf. Die Bevölkerung, ihre Arbeitsverhältnisse und ihre Freizeitgewohnheiten veränderten sich durch die von heimischen Fabrikanten in Gang gesetzte Industrialisierung. Die Fabriken und das Gut beschäftigten bis zu hundert polnische Arbeiter. Der Graf forderte schon seit 1881 wiederholt die Stationierung eines Polizisten in Hehlen, da Übergriffe, Vergehen, Unsicherheit und moralische Schlechtigkeit angeblich zugenommen hatten. Sogar die Sägemühle hatte gebrannt und in einem Monat wurde in den Waldungen jetzt mehr gestohlen als früher in einem Jahr. Im Jahre 1909 beklagte der Graf die "wirklich traurigen Zustande" im Dorf, die ihn persönlich veranlaßten, mit niemandem mehr freiwillig zu sprechen. Kleine und große "Verbrechen" seien an der Tagesordnung und die Jugend stehe noch um Mitternacht auf der Straße herum. Die zuständigen Behörden hielten das für übertrieben, aber waren auch der Meinung, daß die Jugend schrecklich verroht sei, seit sie abends nicht mehr in den Spinnstuben arbeitete, sondern sich auf den Straßen und in den Wirtschaften herumtrieb. Die Polizei erklärte sich die Jugendverrohung durch den Einfluß von ortsfremden Elementen, insbesondere der an Land gehenden Weser-schiffer sowie der Sozialdemokraten in Kemnade. Das Herumstehen der Jugendlichen dagegen galt als allgemeines Zeitübel, das nicht einmal die Polizei verhindern konnte. Nachdem aber auch die Straftaten im Ort angestiegen waren, wobei die Täter nicht ermittelt werden konnten, wurde im Jahre 1914 in Hehlen eine Gendarmerie-Nebenstelle eingerichtet, die noch 1929 existierte. In besonderen Situationen, wie etwa im Herbst 1920, mußte zur Verstärkung auch Sicherheitspolizei hierher beordert werden.

Als einschneidender Zeitabschnitt wurden Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit in Hehlen empfunden: aus diesem Grunde mauerte man im Jahre 1926 in den Sockel des örtlichen Kriegerehrenmals eine kleine, vom Kantor Meyer verfaßte Chronik mit "Erinnerungen aus Kriegs- und Nachkriegszeit" ein. Im Jahre 1921 erläßt jedoch die Gemeinde eine Satzung über die Erhebung einer Lustbarkeitssteuer (u. a. für das Schützenfest pro Tag: 100 Mark).

In den Jahren 1920 bis 1922 geriet Hehlen durch zwei politische Affären lange in die Schlagzeilen der braunschweigischen Landeszeitungen. Es ging dabei jedesmal um den vielumstrittenen linksradikalen braunschweigischen Ministerpräsidenten Sepp Oerter. Dieser hatte im September 1920 beim sogenannten "Mühlenkrieg in Hehlen" persönlich an Ort und Stelle vermittelt, als die Einwohner die von den Behörden geschlossene Brockmannsche Getreidemühle offenbar stürmen und öffnen wollten. Er war eigens im Automobil vom Braunschweiger Staatsministerium nach Hehlen gefahren, weil dort angeblich der Kreisdirektor von Holzminden bedroht worden sei. Die Ursache des Hehlener Mühlenkrieges sollen anscheinend Spannungen zwischen dem Müller und dem Fabrikanten Wemmel gewesen sein, dessen Papierfabrik die Menge wohl auch stürmen wollte. Nach Oerters Vermittlung ruckten 20 bis 30 Mann Sicherheitspolizei in Hehlen ein. Im Oktober 1920 warfen dann "viele Einwohner von Hehlen" Oerter in einem Leserbrief in der Landeszeitung vor, mit der "Gegenpartei", d. h. dem Fabrikanten Wemmel, Beziehungen zu unterhalten. Der Ministerpräsident ließ zwei Tage später persönlich in der Presse verbreiten, daß er nur dem Allgemeinwohl verpflichtet sei und über den Parteien (in Hehlen) stehe. Über die verworrenen Vorgänge in Hehlen gab Oerter im Braunschweiger Landtag eine Erklärung ab. Daraufhin veröffentlichte der hiesige Gemeinderat in der Presse eine Gegendarstellung unter dem Titel "Hehlen im Spiegel der Wahrheit", worin er den Minister der Luge und Bestechlichkeit bezichtigte. Oerter strengte daraufhin einen Beleidigungsprozeß gegen den Gemeinderat an, den er auch gewann. Doch ein Jahr später stürzte Oerter über einen beispiellosen Skandal, der in die braunschweigische Geschichte eingegangen ist: von seinem Ministerschreibtisch wurde ein Brief entwendet, in dem Oerter dem Papierfabrikanten Wemmel in Hehlen ganz offen anbot, seiner Fabrik gegen vertraglich zugesicherte Bezahlung weiterhin in seinem Ministeramt gute Dienste zu erweisen. Oerter führte in diesem klassischen Dokument von Korruption wörtlich aus: "Werter Herr Wemmel! Sie werden sich der Überzeugung nicht verschließen, daß ich mich jederzeit bemüht habe, in Ihrem und im Interesse Ihres Betriebes tätig zu sein. Es ist mir nun ein Bedürfnis, die Beziehungen, welche mich mit Ihnen verbinden, zu dauernden für Gegenwart und Zukunft zu machen. - Ich schlage Ihnen deshalb ein vertragliches Verhältnis vor, durch welches ich mich verpflichte, jederzeit mit Rat und Tat Ihnen zur Seite zu stehen .... Als Gegenleistung schlage ich Ihnen vor: Solange ich auf meinem gegenwärtigen Posten bin, sichern Sie mir aus dem .... Reingewinn Ihrer Unternehmungen drei Prozent zu". usw. usw. ! Dieser Brief gelangte durch seine "Parteifreunde" in die Presse, worauf Oerter aus der Unabhängigen SPO (USPD) ausgeschlossen wurde. In seiner Verteidigungsflugschrift "Ich Sepp Oerter - klage an!" (1922) spielte dieser Wemmel-Brief die Hauptrolle. In diesem Pamphlet gab Oerter zu, dem Fabrikanten und seiner damals nicht gut florierenden Papierfabrik seit 1920 vielmals geholfen zu haben. Wemmel seinerseits erklärte, daß er den Brief von Oerter nie erhalten hatte. Der Ministerpräsident hatte ihm aber "in dem bekannten Hehlener Streit" auf sein Hilfegesuch hin durch persönliches Eingreifen beigestanden. Es kam auch heraus, daß Oerter von Wemmel im Vorjahr 4000 Mark erhalten hatte - wofür, blieb umstritten. In dieser grotesken Verteidigungsschrift warf Oerter seinen Parteigenossen vor, ihn mit der Veröffentlichung des Wemmel-Briefes auf das infamste politisch "gemeuchelt", "ermordet", zu haben. Aus der Hehlener Dorfposse - dem Mühlenkrieg - war dadurch eine Kleinstaats-Tragikkomödie geworden.

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