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Samstag, 19. Januar 2019

 

 

In den Wahlen nach dem Ersten Weltkrieg war die SPD mit großem Abstand stärkste Partei in Hehlen (bis 1927). Im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde der seit 1924 als Gemeindevorsteher amtierende Mühlenbesitzer Brockmann, der Mitglied des "Stahlhelm" war, 1933 abgesetzt. Unmittelbar gefährdet waren im Dritten Reich die in Hehlen stets überdurchschnittlich zahlreich vorhandenen Juden. Diese hatten im 18. und 19. Jahrhundert - zumindest zeitweise - einen eigenen Lehrer und Rabbiner in Hehlen. Hier lebten im Jahre 1829 unter den insgesamt 899 Einwohnern immerhin 44 Juden (in Hohe damals 9 Juden).

Mitten im Zweiten Weltkrieg wurden die Hehlener durch die Abtretung des Landkreises Holzminden für kurze Zeit noch preußische Landesangehörige. Über 500 Jahre lang halte die Gemeinde zum Land Braunschweig gehört. Hehlen war in den letzten Jahrhunderten ein braunschweigischer Grenzort gewesen, denn im Borden begann hannoversches und ab 1866 preußisches Staatsgebiet. Bis zum Jahre 1934 gab es sogar noch eine eigene Braunschweigische Staatsangehörigkeit! Das Adlige Gericht hatte zahllose Grenzstreitigkeiten mit den Nachbarn ausgefochten. Zwischen Bodenwerder und Hehlen war der Grenzverlauf am Noltenbusch besonders unklar, so da6 es im 18. Jahrhundert dort zu Schlägereien zwischen den Einwohnern gekommen ist und die Kemnader die Grenzsteine ausgegraben graben. Dabei datiert der erste Rezeß zwischen den Schulenburgern und der Stadt Bodenwerder über die "endgültige" Beilegung der Streitigkeiten um den Noltenbusch immerhin schon aus dem Jahre 1571! Die braunschweigische Landespolizei durfte noch in unserem Jahrhundert nur bis zur Landesgrenze operieren, und man kann es kaum für möglich halten, daß das Rechtsfahren der Fahrzeuge in Straßenverkehr erst im Jahre 1929 amtlich im Freistaat Braunschweig eingeführt worden ist. Eine Erforschung der Grenzprobleme, die unseren Ort in früheren Jahrhunderten betrafen, würde noch weil mehr Absurditäten ans Licht bringen. Schon um 1400 gab es möglicherweise einen Schlagbaum in Hehlen, obwohl dort noch keine echte Territorialgrenze existierte. Von dem später zeitweise zum Gericht Hehlen gehörigen Ort Frenke, d. h. einer braunschweigischen Exklave im calenbergischen Nachbarland, heißt es 1556 deutlich genug: "Mit den Hausern, Flecken und Dörfern des Amtes Grohnde hat das Dorf Frenke, ... das mitten wie unter den Hunden liegt, aller Enden Irrung und Gebrech!"

Im Zweiten Weltkrieg blieben Dorf und Schloß verschont, obwohl hier im April 1945 zwei Generale ihre Kampfgruppengefechtsstände kurze Zeit aufgeschlagen hatten. Nach dem Zusammenbruch erhöhte sich die hiesige Einwohnerzahl durch die Aufnahme von rund 700 Flüchtlingen um fast zwei Drittel. Vor Kriegsbeginn hatte Hehlen 1939 noch 987 Einwohner, nach dem Zusammenbruch im Jahre 1946 dann 1713 Bewohner (bei 467 Haushaltungen). Wahrscheinlich durch Abwanderung von Flüchtlingen sank die Wohnbevölkerung etwa nach 1959 wieder nicht unbeträchtlich ab (1961: 1472 Einwohner). Die vollständige Integration der Flüchtlinge in die alteingesessene Bevölkerung ist eine der wichtigsten sozialen Leistungen in der fast zwölfhundertjährigen Dorfgeschichte von Hehlen.

Der plötzliche Verkauf des Gutsbesitzes - eines früheren Familienstammguts - 1956 traf das Gesamtgeschlecht von der Schulenburg nach dem Verlust aller ostdeutschen Besitzungen besonders schmerzlich, sie der neuesten "Geschichte des Geschlechts von der Schulenburg" (1984) zu entnehmen ist. Die Familie war in den Welfenlanden fest verwurzelt. Fast alle Hehlener Schloßherren hatten im Herzogtum Braunschweig sowie im Kurfürstentum bzw. Königreich Hannover höhere Beamten-, Offiziers- und Hofstellungen innegehabt. Seit dem vorigen Jahrhundert überwog der Typus des fachlich vorgebildeten Land- und Forstwirts. Der 1887 neu erbaute imposante Rittersaal mit seinen Portraits von Schulenburgern hatte den Charakter eines Familienmuseums. Dennoch verkaufte Graf Johann-Heinrich in Jahre 1956 den gesamten Land- und Forstbesitz nach fast vierhundertjähriger ununterbrochenen Besitzzeit an die Hannoversche Siedlungsgesellschaft. Die Kunstschätze gelangten in den Antiquitätenhandel und ein Teil der Bilder, mindestens zeitweise, in das Landesmuseum in Hannover. Das Archiv des Hauses, Gutes und Gerichts Hehlen wurde im Hauptstaatsarchiv in Hannover deponiert.
Die Bibliothek kam als Depositum in die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Der letzte gräfliche Schloßherr starb 3974 als Industriekaufmann.

Damit ging in Hehlen eine lange adlige Tradition abrupt zu Ende, die diesen Kleinraum an der braunschweigischen Landesgrenze aufs Stärkste geprägt hatte. Das Schloß wurde an den aus Hehlen gebürtigen Konsul Koch, Inhaber einer Kaffee-Großhandlung, verkauft.

Durch die Gemeindereform trat die neugebildete Gemeinde Hehlen 1973 mit der Eingemeindung von Brökeln, Daspe und Hohe gebietsmäßig gesehen sozusagen das historische Erbe des alten Hehlener Gerichtsbezirks an. Die Einwohnerzahl stieg auf nunmehr 2393 (1980). Zwar war Hohe insofern eine Hehlensche "Neuerwerbung", als dieses Dorf weder zur homburgischen Vogtei Hehlen noch zum Adligen Gericht gehört hatte. Jedoch war Brökeln schon lange nach Hohe orientiert, wohin seine Einwohner zur Kirche und seine Kinder zur Schule gehen mußten. Auch gab es noch andere Gemeinsamkeiten: beide Orte zahlten aufgrund ihrer unzusammengesetzten Namen zu den ältesten Siedlungen auf der Ottensteiner Hochebene und beide überstanden die spätmittelalterliche Wüstungsperiode, in der mindestens neun Siedlungen im westlichen Teil der Ebenen untergingen und nur drei übrigblieben (Brökeln, Hohe, Ottenstein), d. h. 77 Prozent verschwunden sind.

Noch einige Bemerkungen zum Abschluß. Hehlen wird zwar seit zweihundert Jahren in den großen Universallexika (Zedler, Brockhaus) erwähnt, aber sonst ist merkwürdigerweise über den Ort so gut wie nie geschrieben worden. Dabei hat Hehlen an der Weser auch zwei berühmte Männer hervorgebracht. Der große Chemiker und Hüttenfachmann Wilhelm August Lampadius (1772 - 1842) entdeckte den Schwefelkohlenstoff und erfand die geteerte Dachpappe. Er ist einer der Pioniere der Gasbeleuchtung. Neben Lehrbüchern verfaßte er rund 300 Einzelarbeiten zu vielen chemisch-technischen Problemen. Unter anderem befaßte er sich mit der Zuckergewinnung aus Kartoffelstärke und der Gesundheitsschädlichkeit von bleihaltigem Eßgeschirr. Seit 1794 lehrte er als Professor an der hochberühmten Bergakademie Freiberg in Sachsen. Der Mediziner Waldeyer (1836 - 1921) war ein bedeutender Anatow. Br wurde Professor und Direktor des anatomischen Instituts in Berlin, verfaßte zahlreiche wichtige Fachschriften und galt als einer der glänzendsten Lehrer seiner Zeit. Nachdem er den Adel erhalten hatte, nannte er sich von Waldeyer-Hartz. Er ist der Entdecker des Keimepithels und prägte den Begriff "Chromosom".

Zwei namhafte, im Jahre 1944 hingerichtete Vertreter des Widerstandes gegen Hitler stammen zwar aus dem Ast Hehlen der Grafen von der Schulenburg, sind jedoch nicht in Hehlen geboren: Fritz Dietloff (geb. 1902) war Regierungspräsident und entwarf eine Reichsverwaltungsreform für die deutschen Widerstandsgruppen des 20. Juli. Seine Witwe lebte mit ihren sechs Kindern nach der Flucht seit 1945 einige Jahre in Hehlen. Graf Friedrich Werner (geb. 1875) war von 1934 bis 1941 deutscher Botschafter in Moskau und sollte nach der Beseitigung Hitlers deutscher Außenminister werden.

Verdiente Söhne Hehlens sind aber auch die Begründer der hiesigen Industrie, deren Gräber auf den Gemeindefriedhof noch erhalten sind; mit bescheidenem Stolz ließ man auf ihre Grabsteine setzen: "Lederfabrikant und Vollmeier Georg Sander" (1818 - 1905), "Heinrich Reitemeyer - Gründer der Hehlener Kalkwerke" (1848 - 1907), "Lederfabrikant Julius Heller" (1870 - 1956) und "Lederfabrikant Emil Heller" (1891 - 1964). Ihnen verdankt Hehlen seinen heutigen Status als wohlhabende Industriegemeinde. Bemerkenswerterweise gelang einheimischen Fabrikanten die Industrialisierung dieses Weserortes, wobei das Überangebot an Arbeitskräften, der alte Gewerbefleiß der Bevölkerung, lokale Bodenschätze und wohl auch Standortvorteile (Lage an der Weser und reichlich vorhandene Wasserläufe) sehr günstige Voraussetzungen boten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen noch die Hanning-Elektrowerke als weiterer Industriebetrieb hinzu.


Im vielfältig zusammengesetzten heutigen Ortsbild Hehlens spiegelt sich seine lange, komplizierte und sehr interessante Geschichte. Im trotz aller modernen Einschübe nicht verschandelten, weitgestreckten Ortsbild dominieren: die teils ebene, teils bergige Lage an der Weser vor der imposant aufsteigenden Ottensteiner Hochfläche, der äußerst malerische Schloß- und Gutsbezirk am Weserufer, der alte mit neuen Bauten durchsetzte Dorfkern, die modernen, schmucken Außensiedlungen sowie, sehr an die Ränder gerückt, die Industriebetriebe. Die Weserfähre mit dem kleinen "Schwesterort" Daspe erinnert an vergangene Zeiten. Ein für Hehlen charakteristisches Element sind die starken Bäche mit ihren Talschluchten, Brücken, Mühlenbauten. Die Immanuelskirche hat kein dörfliches, sondern ein höfisch-feudales Gepräge. Während der starke Verkehr auf der Wesertalstraße durch Hehlen braust, liegen hoch oben die Dörfer Brökeln, Hohe und das Vorwerk Ovelgönne so einsam und weltverloren im Ottensteiner Massiv, als wäre hier die Zeit stehengeblieben. Brökeln und Hohe sind merkwürdigerweise ebenso eng benachbart wie Hehlen und Daspe. Die Kirche in Hohe ist eine der wenigen erhalten gebliebenen romanischen Dorfkirchen im Kreis Holzminden und ersetzt, nach der Eingemeindung, das in Hehlen sonst baulich nicht vertretene Mittelalter. Dorfwüstungs- und Mühlenromantik umgibt die im tief eingeschnittenen Hagenbachtal versteckte Sievershagener Mühle, die mit Hehlen ja lange in Verbindung stand. Im Wechsel von Ackerland und Wald am Ostabfall der Ottensteiner Hochfläche kann man noch heute die Rodungsvorstöße aus den Siedlungen ablesen. Immer noch eindrucksvoll ist das sich nördlich zur ehemaligen Landesgrenze hinziehende große Hehlener Holz (früher "Wohld"). Das einsame, hochgelegene Ovelgönne als neuzeitliche Ausbausiedlung erinnert an spätmittelalterliche Flurwüstungen (vielleicht auch Ortswüstungen). So ist in dem die Gesamtortsanlage beherrschenden Vierklang: Dorfzentrum - Schloß - Industriebetrieb Vorwerk gleichsam noch heute nacherlebbar die Siedlungs- und Ortsgeschichte Hehlens sichtbar ausgeprägt. Die bis ins vorige Jahrhundert noch gebräuchlichen vielen alten Flurnamen sind von den Einwohnern Hehlens und seiner Nachbarsiedlungen geprägt worden. Sie würden bei einer eingehenden Erforschung manches über die Orts- und Siedlungsgeschichte verraten. Der verlassene, aber gut erhaltene Judenfriedhof schließlich erinnert an die ehemalige israelitische Minderheit im Dorf (im Jahre 1933: 1,7 %).


Am 1. 1. 1973 wurde das vergrößerte Hehlen Mitgliedsgemeinde in der neuen Samtgemeinde Bodenwerder. Es konnte zwar bei der Gemeindereform seine Identität wahren, ist aber nun nur noch eine von sechs Mitgliedsgemeinden in Groß-Bodenwerder. Damit ist Hehlen in einen neuen Abschnitt seiner bald eintausendzweihundertjährigen Geschichte eingetreten. Eine lange Entwicklung führte von der Altsiedlung Heli zum Junkerdorf und dann zum Großdorf und zur Industriegemeinde. Hoffen wir, daß Hehlen sich auch in seinem jetzigen, etwas farbloseren Status als Mitgliedsgemeinde in Zukunft kräftig behauptet und seine Eigenart wahrt. Als geschichtlich interessantes und an Besonderheiten reiches Großdorf verfügt es auch für die Zukunft über die besten Voraussetzungen für ein ausgeprägtes und fundiertes Selbstbewußtsein.


Daß die Hehlener sich oft ihrer Haut zu wehren wußten und sich gegen mancherlei Obrigkeiten und Herren energisch behaupteten, hat der Vortrag wohl zur Genüge gezeigt. Insofern kann die Geschichte Hehlens auch als eindrucksvolles Beispiel für die demokratische Selbstbehauptung einer Landgemeinde im Feudalstaat gelten. Denn hier war das Mißverhältnis zwischen privilegierter adliger Minderheit und nichtprivilegierter Bevölkerungsmehrheit durch die Gerichtsherrschaft besonders kraß ausgeprägt. Am Eingang des Gutshofes ließ der Schloßherr wohl nach 1900 unter einem das Sachsenroßwappen haltenden braunschweigischen Löwen einen monarchistischen Trutzspruch anbringen, in dem die damals schon unzeitgemäße Formel "Herr und Knecht" noch vorkommt. Daß die Beherrschten Widerstand leisteten, ihre Rechte zu wahren suchten und sich kleine Freiheiten erkämpfen wollten, ist ein urdemokratischer Zug. Zudem verkörperten sie ja wirklich "das Volk". Insofern sollte man wünschen, daß der Typ des "halsstarrigen " Hehleners auch in Zukunft nicht ausstirbt. Halsstarrigkeit galt allgemein schon im 17. Jahrhundert als Kennzeichen des sich nicht duckenden Bauern, wie beispielsweise in dem bauernfeindlichen Pamphlet "Des ... schlimmen Bauernstand ... Sitten- und Lasterprob" (1684) nachzulesen ist: "Bauren sind zwar Menschen, aber etwas ungehobelter und gröber als die anderen. Einem Bauren gehört der Flegel in die Hand ... und eine Mistgabel an die Tür .... In Gebärden wird er selten an seinen Hut gedenken, denselben abzuziehen. ... Niemand weiß besser, wie halsstarrige Vögel die Bauren sind, als der sie eine Zeitlang kennet und verschiedene Jahre bei ihnen gelebt. Mit ihrer Halsstarrigkeit können die Hehlener sich aber auch als echte Niedersachsen betrachten, weil bekanntlich Steifnackigkeit oder Dickschädeligkeit ja geradezu als niedersächsische Nationaleigenschaft gilt. Schrieb doch schon ein mittelalterlicher Chronist erbost in schönem "Plattdeutsch", der alten Sachsensprache, über die Niedersachsen: "De Sassen alse harde stievenackede lede, alse ein steen!" Schließlich kann man die Hehlener im abgelegenen Weserkreis aber auch als echte Braunschweiger ansehen. Äußerte sich doch ein Kenner 1826 folgendermaßen über die braunschweigische Landbevölkerung: "Der Braunschweiger Landmann ... ist ... auf seine Rechte und Freiheiten so eifersüchtig, daß er alles, ja selbst den letzten Notpfennig daran setzt, um sich dieselbe zu erhalten. ... Er scheuet fast jede zuvorkommende Höflichkeit als Kriecherei oder als Betrug, und wer ihn recht kennt, wird nicht in Abrede stellen, daß er systematisch grob sei ... Es ist ... nicht zu leugnen, daß Mißtrauen und Verschlossenheit gegen die höheren Stände ... dem Gemüte unserer Landleute tief eingeprägt sind." Ein Kantor in der Nähe der Residenzstadt Wolfenbüttel schließlich klagte 1753: "Es sind die Bauern, die nahe am Elm wohnen ... unbeugsam, rauh und grob beschaffen.' Braunschweigische Grobheit wird gelegentlich sogar von den hohen Herren hervorgekehrt. So bezeichnete sich selbst der sehr gebildete Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (gest. 1589) mit Vorliebe als groben alten braunschweigischen Sachsen, wobei er höhnte, daß solche "grobe braunschweigische ... Sachsenart nicht allen gleich anmutig sei". Insofern bekennt die Gemeinde Hehlen am heutigen Jubiläumstag selbstbewußt im wahrsten Sinne des Wortes "Farbe", wenn sie dieses schöne Festzelt am Weserstrom mit den alten blau-gelben braunschweigischen Landesfarben ausschmückt!

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