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Mittwoch, 19. Juni 2019

 

Hehlen - The story

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Seit alten Zeiten schimpft man auf die Verwaltungsbehörden und ihren Papierkram. Die Gemeinde Hehlen jedoch sollte - zumindest am heutigen Jubiläumsfest - den Mönchen in der Schreibstube des Klosters Fulda in Hessen dafür dankbar sein, daß dort vor fast 1200 Jahren in einer Grundbesitzliste der Ortsname Hehlen zum erstenmal schriftlich aufgezeichnet und damit verewigt wurde. In einer ehrwürdigen mittelalterlichen Pergamenthandschrift ("Codex Eberharde", d. h. Ruch des Mönchs Eberhard aus der Zeit um 1160 n. Chr.), die heute im hessischen Staatsarchiv Marburg aufbewahrt wird, findet sich nämlich der lateinische Eintrag "Hemmich schenkte dem Kloster Fulda seine Güter im Ort Heli". Den Geschichtsforschern ist es nach großen Schwierigkeiten gelungen, diese ohne Jahreszahl überlieferte Nachricht zu datieren und herauszufinden, dai3 dieses "Heli" unser heutiges Jubiläumsdorf Hehlen ist. Die Schenkungsnotiz muß in den Jahren zwischen 802 bis 817 nach Christi Geburt niedergeschrieben worden sein. Damit gehört Hehlen zu den vier allerältesten Gemeinden des Kreises Holzminden und auch zu den 570 ältesten Orten in ganz Niedersachsen. Das ist wahrhaftig ein Anlaß zu feiern und dabei auch einmal auf die Geschichte Hehlens zurückzublicken, die mancherlei Besonderheiten aufweist.

Doch muß auch erwähnt werden, daß von der ständig fortschreitenden Geschichtsforschung in allerjüngster Zeit (1978) gegen die bisher gültige Datierung der sogenannten "Fuldaer Schenkungsverzeichnisse", einer berühmten und wichtigen, aber sehr schwierigen Geschichtsquelle, kritische Bedenken erhoben worden sind. Ob dadurch auch die bisherige genauere zeitliche Eingrenzung der in dieser Quelle enthaltenen Hehlener Schenkungsnotiz auf die Jahre "zwischen 802 bis 817" ins Wanken gerät, bleibt abzuwarten. Doch wird sich an der Haupttatsache, daß Hehlen nämlich bereits im Anfang des 9. Jahrhunderts urkundlich erwähnt wird, nichts ändern.

Wann Hehlen nun wirklich entstanden oder "gegründet" ist, wissen wir nicht. Auch bei anderen ganz alten Orten unter den rd. 4.300 (Stand 1950) Gemeinden Niedersachsens kennen wir das Entstehungsjahr fast nie. Was ist der Grund dafür?
Hehlen ist wahrscheinlich zum erstenmal dauernd besiedelt worden in einer frühen Zeit, aus der keine schriftlichen Dokumente überliefert sind, weil die Germanen und ihre Vorgänger die Schrift noch nicht kannten. In Hehlen und bei Kemnade sind mehrfach Urnengräber, wohl aus der Eisenzeit, gefunden worden und in dem mit Hehlen stets sehr eng verbundenen Daspe entdeckte man kürzlich Siedlungsspuren aus der Steinzeit und der Eisenzeit. Weitere Siedlungsanzeichen für Hehlen sind ein jungsteinzeitliches Beil sowie ein frühmittelalterlicher Reihengräberfriedhof (z. T. 8./9. Jahrhundert). Am linken Weserufer bei Bodenwerder wurde im Flußbett ein fünf Meter langer Einbaum gefunden und Luftaufnahmen lassen die Spuren einer offenbar von Menschenhand geschaffenen Anlage bei Kemnade (Kastell?) erkennen. Seit wann Hehlen aber ständig besiedelt war, ist ganz ungewiß, denn die vorgeschichtlichen Siedlungen waren häufig nicht an einen einzigen Ort gebunden, sondern wurden hin- und herverlegt. Auf hohes Alter unseres Ortes konnte auch seine Lage deuten: Hehlen liegt siedlungsgünstig genau am Zusammenfluß zweier mittelstarker Bäche. Nordöstlich davon öffnet sich die fruchtbare und altbesiedelte Hameln-Grohnder Weserniederung, durch die von Westen nach Osten eine uralte Straße führte. In früher Zeit ganz siedlungsabweisend und verkehrsarm waren dagegen nur die Ottensteiner Hochfläche und das lange enge Wesertal im Süden unseres Ortes.

Ein ganz wichtiges historisches Zeugnis für das Alter der Siedlung und die Bedeutung dieses Geländestücks am Weserufer für die Menschen in fernster Vergangenheit ist nun der Ortsname Hehlen. Doch ist leider gerade die Ortsnamenforschung, d h. die Erklärung und Altersbestimmung unserer deutschen Dorfnamen, eines der schwierigsten und umstrittensten Kapitel unter den Siedlungs- und Sprachgeschichtswissenschaftlern. Die Bezeichnung Hehlen ist ein sogenannter "dunkler Name", mit dessen Deutung man sich schon seit über hundert Jahren beschäftigt. Ursprünglich (Forstemann 1872) vermutete man einen sprachlichen Zusammenhang mit ähnlich klingenden Inselnamen (Halbinsel Hela vor der Weichselmündung). Dann meinte man (H. Dürre 1877), daß im Ortsnamen Hehlen der germanische oder altsächsische Männername "Eilo" oder "Agilo" steckt; dieser Name ist wohl von einem Wort mit der Grundbedeutung "Schrecken" abgeleitet. Eine umstrittene Deutung (H. Bahlow 1965) will in "Hehlen" ein vorgermanisches Wort ("kel-") für "Moor, Morast" erkennen und stellt unseren Ort in Parallele mit ähnlich lautenden in Niedersachsen, Westfalen und Holland. Neuerdings nimmt man an, daß der Name Hehlen wohl auf das indogermanische Grundwort "kel-", das "feucht" bedeutet, zurückgeht und ursprünglich ein Gewässername war (Reinhold Möller" Niedersächsische Siedlungsnamen ... vor dem Jahre 1200, 1979, S. 71 f.). Gerade die Gewässernamen gelten als sehr alt: Gewässer sind höchst auffällige, abgrenzbare und für den frühen Menschen lebenswichtige Naturerscheinungen. Nach Möllers Deutung wäre Hehlen möglicherweise ein vorgermanischer Name, da. h. er wurde in die Zeit vor dem Auftreten der Germanen in unserem Gebiet und damit vor Christi Geburt zurückreichen. Auch der Flußname Weser ist vorgermanisch, vielleicht sogar keltisch. Hehlen ist ein "eingliedriger", d. h. aus einem einzigen Wort bestehender Name. Diese unzusammengesetzten, aus einem Wortstamm bestehenden Ortsnamen gelten gemeinhin als alt und schwer zu deuten. Eine strenge zeitliche Einordnung dieser Namen ist nicht möglich. Ähnlich wie "Hehlen" lautende Gewässer- und Flurnamen kommen (laut Möller) im Lüneburgischen, im Schaumburgischen und Stadeschen vor. Eine andere neuere, für die Namenserklärung ebenfalls in Frage kommende Deutung (Jellinghaus 1923) will in Hehlen das altsächsische Wort "helan" ( = verbergen: vgl. "(ver)hehlen") erkennen; danach wurde Hehlen wie ca. sechs ähnliche westfälische Ortsnamen ungefähr bedeuten: "Ort der versteckt, etwa im Walde liege". Wie dem nun auch sei: beim Namen Hehlen dürfte es sich um eine Gelände- oder Stellenbezeichnung handeln, die die natürlichen Eigenschaften (feucht) oder die Lage (versteckt) überaus treffend charakterisiert. Sehr alt sind auch die Gewässernamen "Daspe" und "Allerbach". Das Grundwort "apa" in Daspe bezeichnet einen Wasserlauf und reicht in die älteste germanische Zeit zurück. Den ersten Menschen in unserem engeren Gebiet, die uns sprachliche Zeugnisse in Form dieser Namen über wohl mehr als zwei Jahrtausende hinweg hinterlassen haben, fielen demnach die hier konzentrierten Gewässer auf. Der Name "Hagenbach" ist demgegenüber relativ jung und offensichtlich von der mittelalterlichen Wohnstätte "Sievershagen" abgeleitet. Auffallend ist die Tatsache, daß genau gegenüber der Mündung der Daspe in die Weser am anderen Flußufer die Dorfstätte Daspe liegt, die mit Hehlen seit alters nicht nur durch die Fähre eng verbunden ist. Seit 1410 wird oft ein Flurstück "Dasperod" genannt, das anscheinend mit Sievershagen in Verbindung steht. Im Ortsnamen "Hohe" vermutete man das Grundwort "hoch" (hochgelegen). Wahrscheinlicher aber ist, daß das germanische Wort "haugaz" für Grabhügel in diesem Ortsnamen steckt. Wann aus der ursprünglichen Gelände- oder Stellenbezeichnung (Flurnamen) Hehlen ein Siedlungsname für die Dauerwohnstätte geworden ist, ist uns im Dunkel der Vor- und Frühgeschichte völlig verborgen.

Die erste urkundliche Erwähnung Hehlens in der Fuldaer Handschrift sagt erstmals etwas Genaueres über unseren Ort aus: denn der dort genannte Hemmich ist der erste uns bekannte Grundbesitzer in Hehlen. Hemmich war höchstwahrscheinlich ein Adliger. Seinen Wohnort kennen wir nicht; denn der Adelsgrundbesitz war schon damals und dann im ganzen Mittelalter sehr zersplittert und verstreut. Die Schenkung der Güter in Hehlen an das weit entfernte Kloster Fulda hatte einen religiösen Zweck und war im Sinne der Katholischen Kirche ein gutes christliches Werk. Hemmich war einer der ersten Christen in unserem Gebiet. Denn gerade eben erst waren die heidnischen Sachsen, die im Wesertal zwischen Polle und Hameln wohnten, von einem christlichen Missionar, dem Bischof und späteren katholischen Heiligen Erkanbert bekehrt worden. Erkanbert war "Bischof des Sachsenlandes" und nahm seinen Bischofssitz zunächst im nahen Kirchohsen an der Weser und später endgültig in Minden. Kirchohsen war die älteste christliche Kirche im Gebiet zwischen Hameln und Polle. Deswegen war auch die mittelalterliche Kirche in Hehlen, deren Gründungsjahr wir nicht kennen, dem Erzpriester in Kirchohsen, einer Art von Oberpfarrer, unterstellt. Das Kloster Fulda im schon langer bekehrten Lande Hessen unterstützte diese Mission des Bischofs Erkanbert im Gebiet von Hameln bis Polle und erhielt dort auch von anderen Adligen Landschenkungen. Hemmich wollte mit seinem Landgeschenk wahrscheinlich hier das Christentum fördern und hoffte, daß ihm das im Himmel gut angerechnet würde.

Einige Jahrzehnte später (853/854) verschenkt ein gewisser Hildibert zum Seelenheil von zwei zuvor Verstorbenen Land in Hehlen an das Kloster Corvey. Diese Schenkung hatte also einen ähnlichen Zweck, wie die erste. Das Kloster Corvey war kurz zuvor gegründet worden, um die christliche Religion und Kultur im neubekehrten Sachsenland zu verbreiten und zu erhalten. Ein großer Grundbesitz war die wirtschaftliche Grundlage dafür.

Aus diesen beiden ersten Nachrichten über unser Jubiläumsdorf können wir entnehmen: Dort hatten Adlige Landbesitz, den man genau kannte und beschreiben konnte. Wahrscheinlich saßen auf ihren Grundbesitzungen abhängige, nur halbfreie Bauern, die für sie arbeiten mußten. Wir kennen sogar die Namen von zwei Bauern des Klosters Corvey in Hehlen: Bruoder und Boicho. Es sind die ersten namentlich bekannten Einwohner unseres Ortes. Leider ist die entsprechende Nachricht im Corveyer Güterverzeichnis, das den Geschichtsforscher vor große Schwierigkeiten stellt, nicht genau zu datieren (wahrscheinlich frühes Mittelalter). Beide bauten Weizen und Hafer an.

Das ist so ziemlich alles, war wir aus den ersten Jahrhunderten über die Siedlung Hehlen erfahren. Der Ort war vermutlich noch lange keine einheitliche Dorfgemeinde, sondern eine Gruppe von ganz wenigen Höfen, die kaum Kontakt miteinander hatten. Wir müssen uns den Oberweserraum im beginnenden Mittelalter als riesiges Wald- und Ödlandsgebiet mit vereinzelt dazwischen verstreuten Siedlungsinseln vorstellen. Es gab noch keine Städte. Religiöse, kulturelle und wohl auch wirtschaftliche Mittelpunkte des Raumes waren nur die schon im 9. Jahrhundert gegründeten Weserkloster Corvey und Hameln. Das Kloster Fulda trat seinen Besitz in Hehlen später an sein Tochterkloster Hameln ab. Die Bauern in Hehlen waren weitgehend abhängig von ihren kirchlich Grundherren in Hameln und Corvey. Sie mußten ihnen vor allem Abgaben leisten und landwirtschaftliche Dienste für sie verrichten. Da es im Mittelalter keinen Staat und keine Verwaltung im heutigen Sinne gab, hatte der Grundherr auch allerhand obrigkeitliche Rechte auf seinem Besitz und über diejenigen, die darin wohnten.

Mit den beiden Klostern Hameln und Corvey mag auch die Entstehung der beiden von ihnen abhängigen Pfarrkirchen in Hehlen zusammenhängen. Zwei echte Pfarrkirchen mit allen Pfarrechten in einer einzigen Landgemeinde sind etwas Ungewöhnliches. Leider wissen wir nicht, wann und von wem diese beiden Kirchen gegründet worden sind. Als Gründer kommen in Frage: die Urkirche unseres Gebietes in Kirchohsen bzw. der zuständige Bischof von Minden, die Kloster Fulda, Corvey oder Hameln, aber auch andere Kloster und nicht zuletzt auch Adlige. Es konnte sich bei dieser frommen Doppeleinrichtung um Konkurrenzgründungen mit sehr irdischen Zwecken handeln. Jedenfalls existierten um Jahre 1290 in Hehlen je eine vom Kloster Hameln und Kloster Corvey abhängige Kirche, die sich beide schon seit längerer Zeit über ihre Pfarrechte stritten. Da beide Kirchen auch noch arm und getrennt nicht lebensfähig waren, vereinigte der Bischof von Minden sie im gleichen Jahr zu einer einzigen Pfarrkirche. Dennoch bestanden auch weiterhin noch zwei Kirchengebäude, nämlich die obere und die niedere Kirche. Die obere Kirche ließ man verfallen. Sie stand "auf des Junkers Hofe" und wies eine herausgehobene Lage auf einer breiten, halbrundartigen kleinen Erhöhung über dem Dorfe auf. An ihre Stelle wurde die heutige Immanuelskirche errichtet. Woher der heute in der Immanuelskirche befindliche grabbehauene mittelalterliche Stein (Weihwasser- oder Taufstein?) stammt, ist nicht bekannt. Wo genau die heute verschwundene niedere Petruskirche gestanden hat, wissen wir ebenfalls nicht. Sie ist aber noch auf zwei Kupferstichen des 17. Jahrhunderts mit einem großen spitzen Turm in einiger Entfernung vom Schloß zu sehen (in Merians berühmter Topographie).

In Hehlen hat es immer viel Streit und Prozesse gegeben, wie wir noch sehen werden. Ein Pfarrer hat es sogar fertiggebracht, das Oberhaupt der Christenheit damit zu behelligen: der hiesige Pfarrer Hermann Rike klagte nämlich einmal so gewaltig gegen die Stadt Lemgo, daß der Papst in Rom selbst sich in diese Sache 1397 einschaltete.

Wie wenig durchgebildet die schriftliche Verwaltung im Mittelalter war, kann man schon aus der verschiedenen Schreibweise des Ortsnamens ersehen: Heli, Heloon, (Helan), Heylen, Helen (in der Neuzeit dann noch: Halen, Heelen). Unser Ort wird im Verlauf des ganzen Mittelalters, d. h. für einen langen Zeitraum von etwa 700 Jahren, nur einige Dutzendmal in Urkunden erwähnt, woraus man kein klares Bild der Dorfentwicklung gewinnen kann. Jedenfalls hatten zahlreiche Adelsfamilien und kirchliche Einrichtungen hier Besitz und die verschiedensten Rechte, die sich äußerst buntscheckig und zersplittert ausnahmen. Freie, d. h. herrenlose Bauern gab es im Mittelalter in Hehlen nicht. Im Hochmittelalter wird der Ort schätzungsweise aus höchstens fünf bis sieben größeren Höfen und einigen Kleinhöfen bestanden haben. Mit mehr als 100 Einwohnern kann man damals nicht rechnen. Im Spätmittelalter vergrößert sich dann die Siedlung: die Zahl der Höfe und der Einwohner sowie die landwirtschaftlich genutzte Flache nehmen zu. In einer Liste aus der Zeit um 1400 werden etwa 15 Hofstellen in Hehlen kurz beschrieben und die Besitzer genannt. Die Bauern hatten damals teilweise schon Familiennamen, wie beispielsweise Albert Rese, Henke, Vagedes usw. Der Name Reese ist heute noch im Dorf verbreitet. Eine herausgehobene Stellung hatte der sogenannte Vogtshof. Denn zu der Zeit war Hehlen der Sitz eines kleinen Verwaltungsbezirkes, einer sogenannten Vogtei der bei Stadtoldendorf herrschenden Edelherren von Homburg, die lange sozusagen die Landesregierung unseres Gebietes waren. Das Amt Hehlen umfaßte zu ihrer Zeit insgesamt acht Dörfer, u. a. Daspe, Heyen, Kreipke, Börry, Linse, Bremke. In Hehlen gab es um 1400 schon zwei Mühlen. Von der "Hagermühle" ist zu vermuten, daß sie im Mittelalter von einem zugewanderten ortsfremden Mühlenfachmann eingerichtet worden ist. Auch die Weserfähre bestand schon im Mittelalter. Der Hehlener Wald ("Wohld") als Erbgut der Edelherren von Homburg wird 1389 urkundlich genannt.

Im Spätmittelalter wird der Landkreis Holzminden von einer lang andauernden Katastrophe mit verheerenden Folgen betroffen: Bald nach dem Jahre 1300 starben so viele Einwohner an der Pest und am Hunger, daß mehr als die Hälfte aller damals bestehenden Siedlungen hier ausgestorben sind oder verlassen wurden. Etwa 80 Wohnplätze im Landkreis sind danach nie wieder besiedelt worden. Möglicherweise sind damals auch im Raum um Hehlen zwischen Weser und Ottenstein die Siedlungen oder Dörfer Bredenrode, Groinbike, Baringen, Calmeck, Echelnbeck, W(i)ehagen und andere verlassen oder "wüst" geworden, wie der Fachausdruck lautet. An Bredenrode und Groinbike erinnern vielleicht noch die Flurnamen "Am Brönenberg" und "Im Groneke". Die Mühle in Sievershagen ist der Rest eines kleinen verschwundenen Dorfes. Die Namensendung "hagen" deutet darauf bin, daß. dieser Ort durch Rodung erst spät, wohl in der Zeit vom 12. Jahrhundert bis 1350, entstanden ist. Vielleicht waren die Neusiedler von auswärts herbeigeholte Kolonisten, die mit "Hagerrecht" ausgestattet einen freieren Status hatten als die nur halbieren Bauern (Laten oder Liten, Hörige) in Hehlen. Sievershagen wird 1344 zuerst genannt und war von 1410 bis 1771 Lehen der von Frenke und der von der Schulenburg. Das Dorf bestand im 16. Jahrhundert nicht mehr; die dort befindlichen Mühlen wurden noch bis in unser Jahrhundert betrieben (seit 1909 auch Gastwirtschaft). Um 1400 gibt es auch in der Hehlener Gemeindegemarkung zugewachsenes Ackerland, was auf Bevölkerungsverlust deutet. Einzelheiten sind bisher nicht erforscht. In den späteren Lehnsbriefen für die Herren von Frenke und von der Schulenburg werden zahlreiche Flurstücke, anscheinend um Hehlen-Sievershagen gelegen, aufgeführt, deren besonderer Charakter untersucht werden müßte (u. a. "Vogtsbreite, Dasperrod"). Im Gebiet der Wüstung Baringen wurde 1653 das Vorwerk Ovelgönne des Rittergutes erbaut - eines der ganz wenigen Beispiele für die Wiederbesiedlung eines verlassenen Wohnplatzes im Landkreis Holzminden. Der Name bedeutet "mißgönntes Landstück". Bei Echelnbeck legten die Schulenburger im 18. Jahrhundert das Vorwerk Ernestinental an.


 

Werfen wir jetzt noch einen kurzen Blick in die Umgebung des mittelalterlichen Dorfes Hehlen. Auf der anderen Weserseite liegen südlich von Heyen am sogenannten "Heiligen Berg" eine namenlose Ringwallburg, dann die sogenannte "Lauenburg" und eine romanische Bergkapelle beieinander. Bei Daspe finden wir die sogenannte "Kreseburg". Ob diese fast spurlos verschwundenen historischen Stätten, von denen wir nichts Genaues wissen, irgendeine Bedeutung für das mittelalterliche Hehlen hatte, ist nicht auszumachen. Es ist aber anzunehmen, Daß die Nachbarschaft des Klosters Kemnade sowie der Stadt Bodenwerder nicht ohne Einwirkung auf Hehlen blieb. Während nämlich das mittelalterliche Hehlen am verkehrsfeindlichen, engen und fernstraßenlosen linken Weserufer lag, hatte der Handelsplatz Bodenwerder schon im Mittelalter eine Straßenverbindung zur großen Heerstraße Einbeck-Eschershausen-Hameln. Die wirkliche Bedeutung des an der Straße nach Kemnade aufgestellten legendenumwobenen sogenannten "Frenkesteins", eines Kreuzsteins, ist übrigens unbekannt.

In der Neuzeit, d. h. seit etwa 1500, können wir die Geschichte Hehlens anhand von reichhaltigen Quellen viel genauer überblicken. Man konnte diese 500 Jahre bis zur Gegenwart schlagwortartig kennzeichnen mit der Formel: vom Junkerdorf zur Industriegemeinde. Beschränken wir uns auf das Wichtigste:

Dem um Bodenwerder herum reichbegüterten Adelsgeschlecht von Frenke gehörte das ganze Dorf Hehlen als Lehngut des Herzogs von Braunschweig von 1485 bis zu ihrem Aussterben im Jahre 1558. Damit gehörten ihnen auch alle Nutzungen, der Zubehör und "alles Recht" im Dorf, worin die Gerichtsbarkeit eingeschlossen war. Im Jahre 1529 wurde ihre Gerichtsbarkeit aber auf kleinere Fälle innerhalb ihrer umzäunten Höfe und auf ihren Gütern im Ort beschränkt. Sie besaßen hier ein Rittergut, das gegen die Verpflichtung zum Kriegsdienst mit besonderen Vorrechten ausgestattet war. Ihr Nachfolger wurde der Reichsfreiherr Fritz von der Schulenburg, der 1560 mit dem Gut und Dort Hehlen vom Herzog belehnt wurde. Mit ihm setzte sich diejenige Adelsfamilie im Ort fest, die das Dorfschicksal als Obrigkeit bis 1807 so ziemlich alleine und danach noch wesentlich mitbestimmte. Die Dorfbewohner galten nämlich bis 1807 als schulenburgische "Junker-leute" oder "Hintersassen". Obwohl persönlich frei Leute, waren sie wirtschaftlich sowie in Justiz- und auch Verwaltungsangelegenheiten ganz von der Schulenburgischen Gutsherrschaft abhängig, der genau festgelegte persönliche Arbeitsleistungen sowie verschiedene Abgaben zustanden.

Die Schulenburger sind ein sehr bekanntes und großes, vornehmlich ostdeutsches, brandenburg-preußisches Adelsgeschlecht, aus dem nicht weniger als vier Feldmarschälle und 36 Generale hervorgegangen sind. Sie waren die größten adligen Grundbesitzer in Preußen. Fritz von der Schulenburg war ein reich gewordener Söldnerführer. Für seine Dienste als Kriegsoberst und Rat des Herzogs von Braunschweig wurde er mit der Belehnung von Hehlen und vielen anderen Gütern belohnt. Seine Ehefrau Ilse, aus dem berühmten braunschweigischen Adelsgeschlecht von Saldern stammend, erbaute dann bis 1584 von seinem Geld an der Einmündung des Bachs "Weißenwasser" in die Weser das wehrhafte Wasserschloß als gewaltige Adelstrutzburg, die im Weserlande damals nicht ihresgleichen hatte. Notwendig war dieser Aufwand nicht, und wahrscheinlich wollte sie damit nur Adelsstolz und Adelsmacht sichtbar machen. Ihrem verstorbenen Ehemann setzte sie später im Schloßhof ein ungewöhnliches Denkmal, wie es sonst nur bei Fürsten üblich war. Geschaffen hat es wahrscheinlich der sehr bedeutende Bildhauer Eberhard Wolff der Jüngere. Es ist ein kraftvolles Sinnbild trotziger Selbstbehauptung und unbeugsamen Adelsstolzes. Dieses Denkmal wie das Schloß selbst, sind auch Ausdruck des Anspruchs der rebellisch-kriegerischen Familie von Saldern, in deren Familienhändel die Schloßherrin Ilse bis zu ihrem Tode 1607 verstrickt war. Die von Saldern bauten schlichte Schlösser, und so steht auch Schloß Hehlen in seiner wehrhaften Massigkeit und Schmucklosigkeit ohne Giebel unter den übrigen Schlössern des Weserraumes einzigartig da. Obwohl durch Fritz von der Schulenburg auch ostdeutsche (ostsächsische Elemente) in den Schloßbau eingegangen sind, behauptete man, daß Ilse nicht ganz im Sinne ihres Mannes und "nicht aus Notwendigkeit des Lehens" so stattlich und kostspielig gebaut hatte. Jedenfalls erreichte sie es, daß ihr eigenes Geschlecht später auf den Besitz Anspruch erhob. Auch wollte sie listigerweise die Haukosten einem Neffen des Fritz von der Schulenburg als späterem Lehnserben aufhalsen.

Die Entstehung des Ritterguts Hehlen ist noch nicht erforscht. Nachrichten über einen adligen Sitz, d. h. ein festes Haus, fehlen bis 1564. In Lehnsbriefen für die Ritter von Daspe (1410) und seit 1491 für die von Frenke wird anscheinend bei Sievershagen (?) eine "Vogtsbrede", d. h. eine Ackerflur, genannt. Ob diese irgend etwas mit dem ehemals homburgischen Vogtshof in Hehlen zu tun hat, ist nicht bekannt. Hehlen gilt zwar als Gerichtsort derer von Frenke, doch ob sie hier jemals wohnten, ist nicht bezeugt. Das ist aber wohl von Bodenwerder zu vermuten. Denn dort besitzen sie 1345 einen Garten "vor der Langen Brücke". Im Jahre 1407 stellten sie ihren Hof in Bodenwerder mit dem "steynwerke" (steinernes Maus) samt allen Gebäuden (buwecht) und Zubehör dem Edelherrn von Homburg zur Verfügung, der diese Grundstücke dann an die Kirche zur Anlegung der dort erbauten Stadtkirche St. Nikolaus weitergab. Ein alter in Bodenwerder bestehender Burglehnhof derer von Frenke vor der großen Brücke wird noch 1484 erwähnt. !n Hehlen existiert um 1545 ein wüster "Junkerhof" an der Stelle der heutigen Immanuelskirche. Ein Rittergut Hehlen ist seit etwa 1500 bezeugt.

Mit Beginn der Neuzeit verlor der Landadel an Bedeutung als Ritter im Lehnsaufgebot der Landesherren. Er wandte sich deswegen zur Sicherung seines Lebensunterhalts verstärkt der vorher vernachlässigten landwirtschaftlichen Betätigung zu. Aus dem Ritter wurde ein Landjunker. Der Adel versuchte jetzt, seine Güter zu vergrößern, meistens auf Kosten der Bauern. Zwischen Herbort von Frenke und seinen Hintersassen in Hehlen wurde 1548 ein Vertrag geschlossen, der anscheinend die gegenseitigen Rechte regelte: unter anderem wurde das Besitzrecht derjenigen Bauern, die Frenkesche Acker gegen Zinsleistung bepflügten, als meierrechtlich (d. h. eine Art Erbpacht) deklariert, sowie Regelungen über die Viehmast und Feuerholzentnahme der "Dorfschaft zu Hehlen" aus den "Frenkeschen Hölzern" getroffen. Der neue Herr, Fritz von der Schulenburg, war sogleich bestrebt, sein Hehlener Rittergut zu vergrößern, um größere Erträge zu erzielen. Die Zeit war günstig, da die Getreidepreise stark anstiegen. Nach Streitigkeiten mit seinen Hehlener Hintersassen bringt die herzliche Regierung 1563 einen Vergleich zwischen den Parteien zustande: danach war der Gutsherr berechtigt, von Bauern, die "Hofacker", also zum Adelsgut gehöriges Land unter dem Pfluge haben, derartiges Ackerland bei Entschädigung der Bauern zu dem "Hof zu Hehlen", d. h. an das Rittergut zu ziehen. Die Bauern wurden auch verpflichtet, wüst liegende Ländereien wieder zu beackern und die vorgeschriebenen Abgaben davon zu entrichten: das bedeutete sowohl Intensivierung der Gutsherrschaft wie der Landwirtschaft im Dorf Hehlen. Auf die sonstigen, sehr detaillierten Bestimmungen dieses "Grundvergleiches" komme ich später zurück. Sechs Jahre danach müssen zwei herzliche Amtmänner die zwischen Fritz von der Schulenburg und seinen Dienstpflichtigen strittigen Spanndienst auf einer Zusammenkunft in Hehlen regeln. Das alles zeigt, daß der neue Gutsherr diese Herrschaft energisch wahrnehmen wollte. Doch mancherlei Schwierigkeiten besonders mit den benachbarten herzoglichen Beamten ließen ihn bis 1568 mit dem Gedanken spielen, seine Lehnguter an der Weser zu verlassen, wie er dem Herzog mitteilte. Doch inzwischen war er auch Schloßherr, d. h. Herr eines "festen" (befestigten) Hauses geworden.

Der Adel strebte seit je nach eigenen Burgen, die besonderes Ansehen und Schutz gewährten. Für die Burgen galt eine Art gesondertes Burgrecht, insbesondere der erhöhte Burgfrieden. Surgen waren von hohem militärischem und als Pfandobjekte auch von materiellem Wert. Der Landesherr verfügte über das Befestigungsrecht und mußte den Bau von neuen Burgen, oder was dasselbe war, von "festen Häusern", genehmigen. Denn der Adel konnte von seinen Burgen aus Fehden führen und den Landfrieden stören. So erlaubte der Herzog 1496 den von Campe in Deensen "eine Festung zu bauen zur häuslichen Wohnung, mit Burgfrieden, Frei- und Gerechtigkeit gleich anderen ... Burgen und Schlössern". Am 28. November 1564 erteilte Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel bei einem Aufenthalt in Amelungsborn dem "ehrenfesten Rat und lieben Getreuen Fritz von der Schulenburg" die Erlaubnis zum Bau eines adligen Hauses in Hehlen, "da er daselbst keinen Edelmannssitz, da er gelegentlich wohnen konnte, hat, und willens ist, zu Hehlen zu bauen"; bei einem etwaigen Übergang der Frenkesch-schulenburgischen Lehnguter in andere Hände soll der Nachfolger für die von Fritz bereits errichteten und zu erbauenden "Gebew" (Gebäude) eine Geldentschädigung an dessen Erben entrichten. Schon vier Jahre später existiert in Hehlen ein "neu gebauter Wohnhoff und adeliger Sitz": denn am 23. Oktober 1568 wurde "alle sämtlichen gemeinen Männer und Bauerschaften der vier Dörfer Brökeln, Hehlen, Daspe und Frenke" vor diesem Adelssitz, und zwar "gar nah vor seines Hofes Pforte hart an der Weser" zusammengerufen und von herzoglichen Raten durch Verlesung einer Urkunde auf die neue schulenburgische Obrigkeit verpflichtet, der sie in Zukunft botmaßig sein sollten. Nach der Inschrift unter dem Denkmal des Kriegsobristen im Schloßhof wurden Gut und Schloß jedoch in folgender Reihenfolge erbaut: ab 1560 zuerst die steinerne Scheune (fertig 1564), danach Vorwerk, Torhaus, Schweinehaus, Schafstall, die beiden Mühlen; von 1579 bis 1584 "dann Gebäu, Schloß, Graben". Das Selbstgefühl des erfolgreichen Schloß- und Gutserbauers kommt in den folgenden Versen zum Ausdruck, die an dem wohl ebenfalls von Eberhard Wolff dem Jüngeren geschaffenen Epitaph für Fritz in der ehemaligen (niederen?) Kirche (seit 1887 im Rittersaal des Schlosses) angebracht sind:

"Auch dieß gantz gbew, Schloß, graben all,
Scheur, vorwerck, pfort, schweinhäuß, schafstall,
Die Mühlen beid wit Zugethan,
Durch Gotts hilff Ich volnführet han,
Von meinem recht Erworbnen gut."

In Hehlen entstand ein "festes Schloß", das mit Wassergraben, Zugbrücke und drei Schießscharten nur recht schwach befestigt war und lediglich noch gegen Diebereien, streifende Horden, räuberische Überfalle usw. Schutz bot. Als Vierflügelanlage (Kastelltypus) repräsentiert es den klassischen älteren Schloßtyp. Vorbild für die Schloßbauten des Weseradels waren bekanntlich die Schlösser der Landesherren und vielleicht auch Anregungen aus Kriegszügen in Frankreich. Möglicherweise erbaute Fritz seinen Adelssitz auf vorher unbebautem Gelände, wo er sich ganz nach Belieben ausdehnen konnte. Wie andere Adlige wollte der Kriegsoberst mit seinem Schloßbau wohl imponierend repräsentieren und sich zur Geltung bringen.

Fritz von der Schulenburg und Ilse von Saldern sind wohl die farbigsten Gestalten unter den Schloßherren in Hehlen gewesen. Fritz wuchs in dürftigen Verhältnissen auf und kaufte sich in jungen Jahren vom Zusammengesparten eine Hellebarde, mit der er als einfacher Landsknecht in den Krieg zog. Als "christlicher adeliger Kriegsmann" war er "in Scharmützeln, in Feldschlachten, im Stürmen allenthalben mit vorn dran gewesen", wobei er eine tiefe Stirnnarbe davongetragen hat. Im Kriegsdienst wollte er "nach rittermäßigen Tugenden streben und seines adeligen Geschlechts ehrlichen Namen ferners helfen erweitern". Ihm wurde nachgerühmt, "daß er fast bei allen fürnehmsten Kriegshändeln gewesen sei, die sich bei Lebzeiten des Kaisers Caroli Y. in Teutschland, Frankreich, Niederland und Hungern (Ungarn) begeben haben". Daneben werden seine lutherische Frömmigkeit und christliche Mildtätigkeit gelobt. Regelmäßig besuchte er "mit seinem geliebten Ehegemahl und ganzem Gesind, auch allen Tagelöhnern" die Predigten und ließ morgens und abends "zu Haus über Tisch" aus der Bibel vorlesen. Seine Ehefrau Ilse (1539 - 1607) lebte nach seinem Tode 1589 in Hehlen in einer kleinen, bescheidenen Wohnung mit einem Saal, Küche, Stube, Kammer, Weinkeller und einfachem Hausrat. Halb ertaubt erbaute sie sich an Luthers Büchern und Chorälen und hielt ihr Gesinde in strengster Zucht, ohne die geringste Leichtfertigkeit zu dulden. Allabendlich versammelte sie die Hausgenossen zur Andacht. Kurz vor ihrem Tode freute sie sich auf den Augenblick, wenn sie "heraus aus dieser losen Welt".

Mit den Schulenburgern setzte sich eine landfremde Adelsfamilie im Wesergebiet fest. Durch die Erwerbung von Hehlen griff das altmarkische Geschlecht erstmals nach weit westlich gelegenem Landbesitz. Ob Fritz von der Schulenburg bei dem Ausbau seines Rittergutes die wenig bauernfreundlichen ostdeutschen Gutsbesitzer-Methoden anwendete, wissen wir nicht. Auch der niedersächsische Adel versuchte in dieser Zeit, wenn auch weitaus weniger erfolgreich als im deutschen Osten, Bauernland einzuziehen. Leider ist bislang unbekannt, wieviel Gesinde im Schloßhaushalt und Gutsbetrieb in Hehlen wohl beschäftigt war Doch liegen Vergleichszahlen vor: für ein großes Gut im Weserraum hat man mit Einschluß der Gutsherrenfamilie etwa 50 ständig verköstigte, (4. h. insbesondere Beschäftigte) Personen in vorindustrieller Zeit errechnet, wahrend ein kleines Gut nur etwa 10 Haus- und Gutsangehörige umfaßte. Von dem im Jahre 1944 in Schulenburgischem Besitz befindlichen 33 Gütern lag Hehlen übrigens hinsichtlich der Flächengröße an sechzehnter Stelle.

Daß mit den brandenburgischen Schulenburgern nun ein scharfer Wind vom Rittergut her wehte, merkten die Hehlener Hintersassen sehr schnell, wie wir gesehen haben. Noch viel einschneidender für unseren Ort war aber, daß der alte Landsknechtsführer sich einen eigenen adligen Gerichts- und Verwaltungsbezirk, zwar nicht mit dem Schwerte, aber mit seinen Ellenbogen erkämpfte, wobei es wohl nicht ohne Rechtsanmaßung abgegangen ist. Der für unser Gebiet zuständige herzliche Beamte jedenfalls machte unumwunden aktenkundig, daß der Obrist seine Gerichtsherrschaft "erschlichen" hatte. Am fade bekam Fritz von der Schulenburg im Jahre 1576 nach vielen Handeln und Querelen das sogenannte "Gericht Hehlen" als einen besonderen kleinen adligen Landesteil übertragen, der aus den vier Dörfern Hehlen, Daspe, Brökeln und Frenke bestand.

Die langsame Entstehung des Adligen Gerichts ist ebenfalls genauer noch nicht erforscht. Im Jahre 1557 schlichtete eine herzliche Kommission Streitigkeiten zwischen dem von Frenke und dem Amte Ottenstein Über die "Hehlenschen Gerichtsdörfer"; dabei wurden insbesondere Grenzen und Nutzungsrechte auf der Ottensteiner Hochfläche, u. a. hinsichtlich Sievershagen, Bredenrode, der Wüstung Echelnbeck usw. festgelegt. Auch wurden Bestimmungen über eventuelle zukünftige Rodungen in diesem Grenzstreifen getroffen. Es gab damals noch viel "Wildland" (wüstes Land) "up dem Berge" und im "breden Rode" in Hehlen. Nachdem die von Frenke 1558 ausgestorben waren, war der Kriegsoberst spätestens 1560 mit den vier Dörfern belehnt. Der Amtmann von Wickensen (bei Eschershausen) nahm aber weiterhin hier alle obrigkeitlichen Rechte wahr. Darüber beschwerte sich Fritz von der Schulenburg bei Herzog Julius von Braunschweig, der 1560 versprach, ihm nach dem Tode seines Vaters "Gebot und Verbot" in seinen Dörfern, d. h. wohl auch Verwaltungsbefugnisse zu verschaffen. Im Jahre 1568 verleiht er ihm dann "alle Gerechtigkeit, hohes und niedriges Gebot und Verbot" in seinen vier Dörfern mit ihren "gefreiten adligen Leuten". Weitere Streitigkeiten mit dem Amt Wickensen wurden durch einen Rezeß vorläufig 1576, endgültig erst 1611 beigelegt: danach wirkten Beamte aus Wickensen bei der hohen Gerichtsbarkeit über schwere Straffälle im Gericht Hehlen mit. Im Jahre 1611 wurde dann festgesetzt, daß der Schulenburger Gerichtsherr seine Gerichtsstätte zwar auf Hehlener Grund und Boden, aber unter Mitwirkung des Amtes Wickensen, setzen und einrichten kann. Hehlen war ein sogenanntes "geschlossenes Gericht"; das besagt, daß der Gerichtsherr nicht nur die Gerichtsbarkeit ausübt, sondern in landesherrlichem Auftrag hier auch die Verwaltung der Polizei-, Militär- und Kirchenangelegenheiten wahrnimmt.


 

Trotz des Grundrezesses von 1576/1611 ist mit dem Amt, Wickensen noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts "mancherlei Irrung" über die Hehlener Gerichtshoheit entstanden. Ein Streitpunkt war unter anderem das "Aufheben und Begraben toter Körper", was nur Obergerichten zustand. So läßt Achaz von der Schulenburg 1634 einen in der Weser Ertrunkenen eigenmächtig begraben und verjagt den Gogrefen von Wickensen mit dessen Amtsuntertanen, die den Toten wieder ausgraben wollen, durch Schüsse. Anno 1743 ließ der Hehlener Gerichtsherr ein ermordetes Kind eigenmächtig sezieren, obwohl das Amt Wickensen es durch eine Wache gesichert hatte. Im Jahre 1744 schließlich verscharrte das Gericht Hehlen eine Selbstmörderin "auf dem Schindanger"; das Amt ließ die Leiche ausgraben, ordentlich sezieren und wieder "beischarren".

Was bedeutet dieses Adlige Gericht nun für die Entwicklung von Hehlen?

Auf der einen Seite eine gewisse Aufwertung als Mittelpunkt eines in vieler Hinsicht selbständigen Adelsbezirkes in der Hand eines namhaften und mächtigen Geschlechts. Das großartige Schloß war ein unübersehbares Zeichen dafür. Übrigens war Hehlen kurze Zeit zwischen 1569 und 1576 auch Sitz des nach Halle übersiedelnden evangelischen Superintendenten gewesen. Weniger angenehm für die Gemeinde war indessen, daß die Schulenburgische Gutsherrschaft nun neben "Gebot und Verbot" auch noch im Besitz einer erblichen Privatgerichtsbarkeit war, die sich auf alle in den vier Gemeinden vorkommenden schweren und leichten Straffen sowie die kleineren sogenannten bürgerlichen Streitigkeiten erstreckte. Die Justiz im Gericht Hehlen übte bis 1807 nicht der Graf selbst, sondern ein juristisch vorgebildeter Amtmann in seinem Auftrag aus, der auch der Verwaltung im kleinen Bezirk vorstand. Um 1800 lebten im Gericht 1004 "Seelen".

Zeichen der neuerrungenen Schulenburgischen Blutgerichtsbarkeit, d. h. der Macht, auch Todesurteile auszusprechen und zu vollstrecken, war der Hehlener Galgen. Er stand Iange auf dem sogenannten "Galgenbusch" zwischen Hehlen und Bodenwerder, den man irgendwo östlich der Lederfabrik (Flurname "Galgenbusch") zwischen Bundesstraße und Eisenbahnlinie suchen mußte. Dort wurden die vom Hehlener Halsgericht verkündeten Todesurteile auch vollstreckt - teilweise wohl vom Scharfrichter aus Halle. Bei Ovelgönne stand der Galgen des benachbarten Amtes Ottenstein.

Dieses Adlige Gericht hat etwa zweihundert Jahre lang serienweise viele dicke Aktenbände mit Gerichtsprotokollen produziert, aus denen das Leben und Treiben sowie der Alltag im Dort bis in Einzelheiten erstmals ganz klar erkennbar ist. Tüchtig gestritten haben schon die mittelalterlichen Pfarrer in Hehlen. Sie wurden nun weit übertroffen von der Gutsherrschaft, die sich nicht nur unzählige Male mit ihren dörflichen Hintersassen sondern auch noch mit den benachbarten herzoglichen Beamten in Ottenstein und Wickensen (bei Eschershausen) herumstritt.

Sehr streitbar war aber auch die Gemeinde Hehlen mit ihren Vorstehern, den Bauermeistern an der Spitze, die sich von ihrem hochgebietenden Dorf- und Gerichtsherrn nicht viel gefallen ließ, obwohl sie sich im Verkehr mit der Obrigkeit als "untertanigst-demütigste" Gemeinde bezeichnete.

Schon gleich bei Antritt der neuen Dorfherrschaft erheben sich 1563 "Irrungen und Gebrechen", wie es heißt, zwischen Fritz von der Schulenburg und der Gemeinde Hehlen, die sogar vor dem Herzog gegen ihren Gutsherrn klagt, worauf 1563 ein Vergleichsprozeß aber die wechselseitigen Gemeinde- und Gutsherrenrechte geführt wurde. Zunächst wurde der Landbesitz der Bauern und des Gutsherrn festgestellt, den der Amtmann von Wickensen in Zweifelsfällen zum Teil mit der Rute abmessen sollte. Der Gutsherr war offensichtlich bestrebt, den Landanteil seines "Hofes" zu vergrößern. Dann wurde die Viehmast, die Feuerholz- und Bauholzentnahme in den "Hehlenschen Holzern", d. h. Waldungen geregelt und das Schlagen von Grünholz verbaten. Das Anlegen von Kressenteichen mit den zugehörigen Garten wurde untersagt, weil dadurch der Wasserzufluß auf die Mühlen verstopft wurde. Die Acker der Bauern waren mit Zäunen eingehegt. Zahlreiche weitere Bestimmungen in diesem Vergleich von 1563 regeln die Verhältnisse in Dorf, Feld- und Waldgemarkung. Offenbar war es vorher von beiden Seiten zu Nötigungen, Bedrohung und "Überlaufen mit Büchsen und Spießen", d. h. zu Gewalttätigkeiten, gekommen. Die "Männer" oder "Inwohner" von Hehlen hatten ihr Klage gegen den neuen Gutsherrn übrigens schriftlich bei der herzoglichen Regierung erhoben. Die Gutsherrschaft ihrerseits legte Akten über "rebellische Bauern" an (17. Jahrh.) und von den mutwilligen, "haltsstarrigen" Hehlenern ist in den Akten häufig die Rede. Der Gutsherr Achaz UI. (gest. 1661) klagte kurz vor seinem Tode sogar in seinem Testament über die "mutwillige Halsstarrigkeit" seiner Hehlener Hintersassen. Der Braunschweigische Herzog schützte jedoch seine Bauern seit alters gegen adlige Übergriffe, so daß sich in diesem Ländchen ein einigermaßen gesundes Bauerntum behaupten konnte. Die Bauermeister als Gemeindehäupter ließen sich aber auch von der herzoglichen Regierung nicht alles bieten: Als 1754 im Herzogtum die Schulpflicht für sogar Vierjährige eingeführt werden sollte, widersprachen sie mit der Begründung, man konnte den zumeist armen Eltern nicht zumuten, ihre kleinen Kinder über die "gar weiten und schlimmen Wege" zur Schule zu tragen!

Selbstverständlich fehlte es aber auch innerhalb der Dorfbewohnerschaft selbst nicht an Anlassen für handfeste Streitigkeiten. Ein Protokollheft über "Handel und Exzesse" im Gericht Hehlen verzeichnete nur für das eine Jahr 1584/85 annähernd 40 registrierte Gerichtsvorkommnisse. Es überwiegen dabei: Widersetzlichkeiten jeder Art gegen den Junker von der Schulenburg, wirtschaftliche Übergriffe im Dorf, auf der Feldmark und im Walde, unbefugtes Viehhüten, Holzdiebstähle, Beleidigungen und Schlägereien, Ausschreitungen von Betrunkenen usw. (Ein von den Herren von Frenke verpachteter Dorfkrug in Hehlen ist übrigens schon im 16. Jahrhundert bezeugt.)

Sehen wir uns einige Fälle an.

Einer weigert sich, einen Brief nach Hildesheim zu tragen, mit den klassischen groben Worten: "er gedachte dem Junker nicht botenweis zu laufen", d. h. den Boten zu spielen. Zwei Männer aus Daspe verweigern den Junkerbefehl, Lebensmittel zur Fahre zu transportieren, mit den Sätzen: "sie gedachten dem Junker keine Reise zu fahren; was man ihnen deswegen antun wolle, das wollten sie schon erwarten, und lieber heute als morgen". Die Bauermeister drohen ungestüm, den Schulenburgischen Schäfer von ihrem Feld zu jagen und ihn so zuzurichten, daß man ihn auf einer Karre ins Dorf heimfahren müßte. Die Dasper Leute sperren die Schafe des Junkers in einer Scheune ein mit den Worten: "sie wollten den Junker der Schäferei müde machen und ihre Schafe allein hüten lassen".

Die Insassen des Gerichts Hehlen gingen miteinander auch nicht gerade sanft um. Gern schlagt man sich "den Kopf entzwei", was damals wohl der stehende Fachausdruck für Körperverletzungen war. So gibt es blutigen Streit in der Fahre, weil zwei Gespannführer zugleich in die Fahre hinein jagen, wobei ein Pferd auf einen Pflug aufläuft und die Köpfe der beteiligten Streithähne mit Peitschenhieben und Rechen böse zugerichtet werden. Ein Betrunkener kommt "dull und voll", wie es wörtlich heißt, aus Bodenwerder, fallt in ein Haus in Hehlen ein und schlagt einen Mann dort nicht nur mit dem Spieß nieder sondern auch noch den Kopf "entzwei"! Auch bei den Frauenpersonen ist mancher Zank zu schlichten. Nicht einmal in der Kirche gaben die Frauen Ruhe, denn mehrere streiten sich dort so heftig um einen Platz, daß öfter sogar "wahrend der Predigt ... Tumult und Aufruhr wie Stoßen und Zanken" angezettelt wurde.

Man konnte noch lange aus diesen Gerichtsprotokollen zitieren, aus denen eine kräftige, selbstbewußte und wenig demütige Landbevölkerung sichtbar wird.

Reizvoll sind auch die alten Rechtsbräuche: beim Verkauf der Niederen Mühle in Hehlen, der sogenannten freien Hägerschen Erbmühle, an die Gutsherrschaft setzt der Müller den Schulenburgischen Amtmann 1594 dadurch in den Besitz, daß er ihm den Mühlenrumpf und einen Erdklumpen aus dem Mühlengarten unter Beglückwünschungen in die Hand gibt. Übrigens konnte der Müller Hans Teuffel damals weder lesen noch schreiben und noch 1771 Können einige Hehlener Weideberechtigten ihren Namen nicht schreiben.

Das Gericht Hehlen als kleiner Verwaltungsbezirk mußte dem Herzog von Braunschweig Soldaten stellen. Schon um 1545 werden "wehrhafte Männer und Knechte", d. h. dienstfähige Leute, in Hehlen hervorgehoben. Später müssen Land- und Feldsoldaten gestellt werden, wobei 1689 die ausgehobenen "ledigen Kerls" und Bauernsöhne viele "Difficultäten" machen. Im Jahre 1787 befinden sich bei den nach Amerika "verkauften" Braunschweigischen Truppen auch zwei Soldaten aus Hehlen, wovon einer dort bereits verstorben war.

Werfen wir jetzt noch einen kurzen Blick auf die Schulenburger Gutsherren, die 1728 Reichsgrafen wurden und hier vor Ort den sogenannten Ast Hehlen innerhalb des weitverzweigten Gesamtgeschlechtes begründen. Das Rittergut war ein Grundbesitz mit ganz besonderem Rechtsstatus: Es wurde in die sogenannte Rittermatrikel eingetragen, war von allen Staats- und Gemeindelasten befreit und hatte einen besonderen, bevorzugten Gerichtsstand. Das Rittergut Hehlen war landtagsfähig, d. h. der adlige Besitzer hatte damit einen ständigen Sitz im Braunschweigischen Landtag. Auch hatte er das Recht zu Trauungen und Taufen sowie zu Begräbnissen auf seinem Besitz. Im dreißigjährigen Krieg wurde des Rittergut schwer verwüstet und den Schulenburgern zeitweise geraubt. Danach war es stark verschuldet und kam erst durch Sparsamkeit langsam wieder in die Hohe. Der seiner Bauernbevölkerung völlig entfremdete Friedrich Achaz von der Schulenburg ließ mit der 1699 fertiggestellten Immanuelskirche im Dorf ein bemerkenswertes Architekturkunstwerk errichten, bei dem der berühmte braunschweigische Barockbaumeister Hermann Korb einen zentralen Innenraum eindrucksvoll und originell gestaltete. Das Rittergut war dann im 18. Jahrhundert wegen zu aufwendigem Lebensstil wiederum, nun aber unvorstellbar, verschuldet und stand zeitweise unter Zwangsverwaltung. Erst im vorigen Jahrhundert gesundete der Gutsbetrieb wieder. Der frühere Klosterhof Kemnade wurde 1842 angekauft. So konnte Hehlen mit seinen damals etwa 1100 Hektar im Jahre 1866 zum Schulenburgischen Familienstammgut erklärt werden. Für Wohltätigkeitszwecke hat die Gutsherrschaft zu verschiedenen Zeiten einige Stiftungen errichtet, unter anderem das Armenhaus und die Gräfin Julia-Stiftung (von 20.000 M). Schon Fritz von der Schulenburg hatte ein Legat ausgesetzt, das u. a. für Schuldiener und Hausarme im Gericht Hehlen bestimmt war. Im Schloß befanden sich seit etwa 1747 wertvolle Kunstgegenstände, Waffen, Bücher und historische Dokumente aus, dem Besitz des berühmten venezianischen Feldmarschalls Johann Matthias von der Schulenburg (1661 - 1747), die nach dem Verkauf des Gutes 1956 zerstreut sind. Das Gutspersonal bestand im 17. Jahrhundert u. a. aus dem Amtmann, dem Amtsschreiber, Förstern, Jägern, Vorreitern, Gärtnern, Hauslehrern, Rechtsberatern, wozu im vorigen Jahrhundert Gutsverwalter, Schloßverwalter und Rechnungsführer kamen.

Wie sah es aber in unserem Junkerdorfe selbst aus und wie lebte der Landmann hier?

Hehlen war in der Neuzeit ein Ort mit ständig wachsender Bevölkerung: Um 1540 hatte es noch etwa 100 Einwohner; im Jahre 1663 dann 193 (Erwachsene); 89 Feuerstellen und 536 Einwohner registrierte man 1774 im Dorf; 1798 zahlte es schon 673 Kopfe und hundert Jahre später war man (um 1905) bei 987, d. h. bei fast tausend Dorfbewohnern angelangt. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert kann man es als Großdorf bezeichnen. Schon um 1760 hatte es eine überdurchschnittlich hohe Bevölkerungszahl. Im Jahre 1947 schließlich stand es an Bevölkerungszahl und Gemeindeflächengröße immerhin ganz oben an achter Stelle unter den 73 Gemeinden des Landkreises Holzminden.

Karten und genaue Beschreibungen zeigen uns, wie es im Dorf um 1770 aussah. Damals existierten in Hehlen etwas 80 Hofstellen, die von den in vier Klassen gegliederten Bauern besetzt waren. An der Spitze standen die 13 Meierhöfe, danach folgten die kleineren Hofstellen der Köter, Brinksitzer und Anbauer. Auf Veränderungen im alten Hofbestand weist die Tatsache, daß ein Vollmeierhof in der Nähe des Schlosses damals schon weit über hundert Jahre wüst lag und vom gräflichen Haus genutzt wurde. Die sieben nichtbäuerlichen Häuslinge besaßen kein eigenes Haus und wohnten nur zur Miete. An dörflichen Einrichtungen waren vorhanden: Pfarrhaus, Schulhaus, Backhaus, Hirtenhaus für Kuh- und Schweinehirt sowie ein Armenhaus für neun Personen. Des Försterhaus gehörte zum Gute. Das Bier für den damals verpachteten Dorfkrug wurde im Ort selbst gebraut und auch die Krüge in Daspe und Brökeln schenkten Hehlener Bier aus. Der Wald mit seinen 15 Revieren sowie die Schäferei, die Fischerei und die niedere Jagd gehörten dem Grafen. Dieser setzt auch den Pfarrer und Schullehrer ein. In den beiden gräflichen Mahlmühlen müssen die Junkerleute ihr Korn mahlen lassen. Auch gehörte den Schulenburgern eine Gipsmühle mit zwei Gipsofen sowie etwa im Gebiet der heutigen Kalkwerke ein Kalkbruch und darunter an der Weser ein Kalkofen. Es sind ferner vorhanden: Brüche für Steine, Gips, Sand, Ton sowie Gruben mit Mergel, Lehm und Torf. Die 1617 gegründete gräfliche Papiermühle war eine der ältesten im Oberwesergebiet und verfugte im 18. Jahrhundert über ein durch zwei Etagen gehendes Maschinenhaus mit der Presse, Kesseln, Trogen usw. Ihre Rohstoffe bezog sie von Lumpenhändlern. Obwohl die Gemeinde damals außer dem Pachtgeld vom Gemeindebackhaus keine Einkünfte hatte, mußte sie das Pfarr- und Schulhaus unterhalten. In ihrem Dienst standen die beiden Bauermeister, ein Nachtwächter und ein Fluraufseher. Auch waren schon einige Feuerschutzgeräte vorhanden. Im Ort lebten etwa 12 Handwerker. drei Kramer (Kaufleute), ein sogenannter Chirurg, d. h. eine Art dörflicher Wundarzt, und auch drei Juden. An Handwerkern finden wir in Hehlen 1771: je zwei Schneider und Schuster und je einen Schmied, Rademacher, Tischler, Maurer, Bader. An Baumaterialien bezogen die Einwohner; Eichenholz vom Grafen, Bruchsteine aus dem Wald, Ziegelsteine und Backsteine aus Hameln und Bisperode, Lehm vom Hagenberg sowie Kalk und Gips aus den örtlichen Ofen. Nicht alles Ackerland war bebaut: 17 Prozent, (315 Morgen) lagen wüst (in Brökeln sogar 47 Prozent, was ein Spitzenwert im gesamten Landkreis Holzminden war!). Das Dorf galt damals als sehr arm. Die Viehzucht war schlecht. Haupterwerbsquellen waren hier der Ackerbau und als Nebengewerbe in nicht weniger als 40 Höfen die Leinenweberei und auch das Spinnen. Einigen Verdienst brachte auch das Strom-aufziehen von Schiffen, was unendlich mühsam und kostspielig war, da bis zu hundert Menschen für die Fortbewegung von einem einzigen Schiffszug nötig waren. Das Weser-Strombett war damals im allgemeinen breiter und seichter, auch war es durch Sandbänke gespalten. Das Ufer war durch Abbrüche gefährdet. Der Treidelpfad wechselte immerfort von einem Ufer zum anderen. Die plumpen hölzernen Schiffe mußten oft mit Hebebäumen, Ankern und Winden über die Sandbänke im Strombett mühselig hinweggezogen werden. Um 1796 durchfuhren rd. 360 Schiffe jährlich die Oberweser. Stromaufwärts dauerte die Schiffahrt von Hameln bis Münden 8 bis 10 Tage. Damals wurden aber bereits Pferde (14 bis 18) anstelle der Menschen zum Treideln auf dieser Strecke eingesetzt. Weiteren Verdienst hatten die Hehlener auch noch durch die Übernahme von Frachtfuhren, die weit nach Süden und Nordwesten gingen, und zwar für Kesselflicker nach Uslar und für eine Messinghütte nach Reher (bei Aerzen). Erst im 18. Jahrhundert hatte unser Ort durch den Bau einer durchgehenden Poststraße Holzminden - Hameln im Wesertal Verkehrsanschluß an beide Städte erhalten. Vorher war es mit den Nachbarorten nur durch Landwege verbunden. Schon f749 ordnete die herzliche Regierung eine Postexpedition auch für Hehlen an: der dortige Schulmeister sollte die Briefe sammeln und sie einmal wöchentlich an das zuständige Amt (Wickensen oder Ottenstein) senden, von wo sie an die "ordentliche Post" zur Expedition weitergegeben wurden. Aber erst seit 1867 besteht eine ständige Postexpedition im Ort.

Über die hier unberücksichtigt gebliebene Hehlener Kirchengeschichte (und auch z. T. Schulgeschichte) informiert die Festschrift von 1979 aus der Feder des Gemeindepfarrers K. U. Blomberg.


 

Mit dem Befreiungskrieg gegen Napoleon beginnt die neue Zeit auch im Weser-distrikt. An der weltgeschichtlichen Entscheidungsschlacht von Waterloo, in der hannoversche und braunschweigische Truppen sich besonders auszeichneten, nahmen 19 in Hehlen geborene Männer als Soldaten teil. Ihnen wurde für die Teilnahme an dieser großen Schlacht die aus der Bronze von eroberten Geschützen geprägte Waterloo-Medaille verliehen. Außer einem Unteroffizier (beim 1. Linien-bataillon der Infanterie) handelt es sich bei den aus Hehlen stammenden Waterloo-Medaillen-Trägern um einfache Soldaten. Von den 18 einfachen Soldaten kämpften drei bei der Avantgarde (Vorhut), vier bei den Linienbataillonen der Infanterie, zehn bei den Jägerbataillonen und zwei als Husaren.

Seit dem vorigen Jahrhundert verwandelt sich Hehlen durch wirtschaftlich-soziale Reformen sowie durch die Industrialisierung in wenigen Jahrzehnten in ein modernes Dorf.

Als erstes verschwindet 1807 das damals völlig unzeitgemäße Adlige Gericht als privater Justiz- und Verwaltungsbezirk. Schon seit 1787 konnte der Justizbeamte in Ottenstein das benachbarte Gericht Hehlen unter Zustimmung der Grafenfamilie mit verwalten. An seine Stelle tritt als staatliche Verwaltungsbehörde das Amt Ottenstein und ab 1850 die Kreisdirektion Holzminden. Die Ortspolizei übte das Rittergut aber noch bis 1850 aus. Im Jahre 1830 wird das Rittergut in das Dorf Hehlen eingemeindet. 1872 dann auch der Schulenburgische Forst (Westteil). Dadurch wurde dieses Dorf die Gemeinde mit der (1948/1949) zweitgrößten Waldgemarkung (530 Hektar) im Landkreis Holzminden. Von 1865 bis 1931 war das Gut ein Fideikommiss. Die Bauernbefreiung, d. h. die wohltätigen großen Agrarreformen zogen sich bis 1870 (Separation) und 1893 (Forstberechtigungsablösung) hin. Sie befreiten den bäuerlichen Grundbesitzer von der Abhängigkeit vom Gutsherrn sowie den gutsherrlichen Lasten und gestalteten die Dorfgemarkung nach modernen Grundsätzen völlig um. Der Bauer wurde nun freier Eigentümer von modernen, zusammenhängenden Betriebsflächen, wahrend er vorher nur eine Art erblicher Zeitpächter des Gutsherrn gewesen war. Doch ging die Bauernbefreiung wiederum nicht ohne Streitigkeiten zwischen dem Grafen und der Gemeinde ab. So drängte die Gemeinde im Jahre 1838 bei der herzoglichen Staatsregierung auf die baldige Ablosung des von Karl dem Gro6en eingeführten Zehnten, weil der Graf diese total veraltete Abgabe noch möglichst lange einziehen wollte. Wenige Jahre später prozessierte die Gemeinde mit den Gutsherrn, weil dieser ihr das zustehende Bau- und Brennholz aus dem Walde nicht in vollem Maße verabreichen ließ. Die Grafen von der Schulenburg besaßen ja nicht nur das größte Rittergut (im Jahre 1863: 4241 Morgen, im Jahre 1945: 800 Hektar) sondern auch den größten Privatforst im Landkreis Holzminden (1865: 460 ha, davon in der Gemarkung Hehlen: 393 ha; noch im Jahre 1950: 343 Hektar). Die Gemeinde jedoch halte niemals Wald besessen, sondern bekam von den gräflichen Förstern das Notwendige zugewiesen. Als Abfindung für die den Gemeinden zustehenden Forstberechtigungen mußte das Rittergut 1893, nach zwei Prozessen, die Hälfte seines Forstbesitzes an diese Gemeinden abtreten, die nun erstmals Waldbesitzer wurden. Danach gab sich die neu entstandene Forstgenossenschaft Hehlen-Daspe-Frenke im Jahre 1894 ein Statut. Sie besaß i. J 1903 immerhin 193 ha Wald. lm Jahre 1932 war die Forstinteressengemeinschaft Hehlen-Daspe anscheinend die zweitgrößte im Landkreis. Die Hehlener Gemeindegemarkung umfaßt im Jahre 1870: 1005 Hektar, 1947: 978 Hektar.

Trotz dieser Fortschritte herrschte bei den Nebenerwerbsbauern sowie besonders bei den haus- und landbesitzlosen Häuslingen in Hehlen im vorigen Jahrhundert jahrzehntelang bittere Not. Die Vollbauern waren ja nur eine Minderheit im Dorf: um 1870 gab es hier nur 26 Vollbauernstellen, aber 53 unterbäuerliche Stellen und 104 arme Häuslinge. Bereits zwanzig Jahre vorher (1850) waren 50 Häuslinge arbeitslos und 40 Webstühle standen still. Hehlen galt damals als ärmster Ort im Amte Ottenstein. Jüngere Häuslinge mußten sich weit auswärts heim Eisenbahn- und Kanalbau im nördlicheren Niedersachsen ihr Brot verdienen. Die Häuslinge zählten zur Tagelöhnerklasse. Doch das Gut und die wenigen größeren Bauern konnten Tagelöhner nur in geringer Zahl beschäftigen (um 1843). Der Notstand im Ort wird durch die erschütternde Tatsache unterstrichen, daß im Verlauf von nur
23 Jahren bis 1869 nicht weniger als 75 Personen, darunter Eltern mit Kindern, aus Hehlen nach Amerika auswanderten.

Erst durch die Industrieansiedlung mit ihren neuen Arbeitsplätzen änderte sich diese Situation seit Ende des vorigen Jahrhunderts.

Noch um 1903 galten die Vermögensverhaltnisse der meisten Einwohner als "nicht besonders", obwohl damals neben Landwirtschaft und Gutsbetrieb die "Dampflohgerberei Winnefeld" (vormals Sander) und die Mergelgrube Arbeitsplatze boten. Der Ertrag des vielen Berglandes war nicht gut und an Armenunterstützung mußte die Gemeinde um diese Zeit jährlich 982 Mark aufbringen. Sieben Jahre später hatte sich das Bild verändert: Die Armenunterstützung war auf 620 Mark abgesunken und die Einwohner "lebten vorwiegend in geordneten, teils in guten Vermögensverhältnissen". Denn jetzt gab es florierende Fabriken im Dorf, die wir naher betrachten wollen.

Die beiden gräflichen Wassermühlen gelangten durch Kauf in Privathand und wurden erst nach des Zweiten Weltkrieg stillgelegt. Aus der alten gräflichen Papiermühle, einem echten frühen Industriebetrieb, die seit 1832 in der Hand des Papierfabrikanten Huchthausen aus Sievershagen war, entwickelte sich um 1870 durch Verkauf an einen Ortsansässigen die Papierfabrik Ludwig Wemmel in Hehlen. Sie bestand 1917 aus mehreren Gebäudekomplexen ("Alte Fabrik" am Mühlengraben, "Neue Fabrik" am Sievershagener Bach) und beschäftigte damals etwa 85 Arbeiter und Arbeiterinnen. Im Ersten Weltkrieg stellte sie neben Pappen als kriegswichtige Sprengstoffabrik auch Schießbaumwolle her. Rohstoff für die Pappen waren damals Papier sowie Baumwoll- und Stoffabfälle aus Holländischen Wollfabriken. Auch stellte Wemmel Wollfilzersatz her. Um 1922 beschäftigte seine Fabrik rund 100 Arbeiter. Nach einem Konkurs ging sie 1929 in andere Hände über und bestand noch nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1961 als Papierfabrik Sievert. Der Mergelbruch-besitzer Reitemeyer gründete 1905 in Hehlen die Kalk- und Mergelwerke, die hochwertigen Rohstoff abbauten und frachtgünstig an der Weser lagen. Auf dem ersten Bauplan sind ein Kalkofen, eine Mühle, ein Lokomobil, Schuppen, Silo und Kontor eingezeichnet. Bald nach der Gründung beschäftigte dieses Werk 130 Arbeiter, wovon 40 in sogenannten Werkskasernen untergebracht waren. Wohnungsknappheit machte sich um 1911 im Ort durch die im Kalkwerk Beschäftigten breit. Den vormals Sieversschen Steinbruch in Daspe hatte das Werk 1912 angekauft und ein Jahr später waren dort 30 Mann beschäftigt. Schon 1891 bestand eine größere Lederfabrik Georg Sander (später Winnefeld) in Hehlen, die zweimal in Konkurs ging und seit 1909 stillag. Sie war gut eingerichtet mit zwei Farbenhausern und einem Maschinenhaus mit zwei Dampfmaschinen. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges hatte die Heeresverwaltung dort Guter eingelagert. Im Jahre 1911 kaufte der Ledergro6handler Heimann in Berlin die Fabrik. Er wollte sie wieder in Gang setzen und schrieb 1913 an die Kreisdirektion Holzminden, daß die Hehlener Arbeiter und Gewerbetreibenden das sehr wünschten. Nur der Graf von der Schulenburg kämpfte mit allen Mitteln zugunsten der Landwirtschaft gegen die Industrie in Hehlen an und übte Druck auf von ihm Abhängige aus. Aber erst 1920 konnten die Braunschweigischen Lederwerke Heller den Betrieb in dieser Fabrik aufnehmen, die um 1932 ed. 180 Mitarbeiter beschäftigte und damals der größte Möbellederhersteller in Europa war - mit eigenen Verkaufsstellen und Niederlassungen im In- und Auckland. Durch diese drei Fabriken verwandelte sich Hehlen, von einem Bauern- und Gutsdorf zu einem ländlichen Industriestandort und einer Arbeiterwohngemeinde. Heute ist es einer der gewerblichen Schwerpunkte des Landkreises und ein Nebenzentrum der westlichen Ottensteiner Hochfläche. Mit Ottenstein wurde Hehlen 1832 durch den Bau einer festen Straße über Sievershagen verbunden. Erst 1885 wurde die Straße Brökeln-Hohe-Ernestinental-Ottenstein angelegt.

Dieser Wandel zur Industriegemeinde spiegelt sich eindrucksvoll in der Beschäftigungsstruktur nach 1945:

106 in landwirtschaftlichen Betrieben Beschäftigte (1960/61)
410 Beschäftigte in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben
(davon 110 in Handwerksbetrieben) (1960/61)
58 ständig in der Landwirtschaft Beschäftigte
(bei 53 Betrieben) (1979)
54 nichtlandwirtschaftliche Arbeitsstätten mit 400 Beschäftigten (1970)
571 Berufspendler, davon 203 Einpendler und
368 Auspendler (1970)

Noch immer existiert die uralte Fähre, gegenwärtig neben Polle die einzige Wagenfähre im Landkreis. Für das Jahr 1592 ist ein schweres Fährunglück bezeugt. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts gab es noch zwei Fahren: die obere Gutsfähre und die mit ihr konkurrierende untere bei Daspe. Die untere Fähre kaufte der Graf 1821, ließ sich eingehen und verlegte die obere an die Stelle der unteren Fahre. Im Jahre 1882 wurde die Fahre dann an Grundbesitzer in Daspe verkauft. Sie hatte damals noch lebenswichtige Lokalbedeutung für die Bewohner von Daspe, die in Hehlen ihre Kirche, Schule, Post usw. aufsuchen mu6ten. Für den Durchgangsverkehr war sie schon bedeutungslos. Für Hehlen selbst war die Fahre zu dieser Zeit nur noch dadurch interessant, daß die übersetzenden Dasper dem Dorf Einnahmen brachten.

Ungleich verkehrsbedeutsamer war für unseren Ort die private Nebenbahn Vorwohle-Emmerthal sei 1900: so wurden in Hehlen im Jahre 1948 nicht weniger als 50.000 Fahrkarten verkauft und 30.000 Güterwagenladungen umgeschlagen.

Auch bei den öffentlichen Einrichtungen zog der Fortschritt ins Dorf ein: Die Postanstalt in Hehlen nahm 1878 den Telegrafen- und Fernsprechbetrieb auf. Schon 1893 wird die Hehlener Spar- und Darlehenskasse gegründet. Dennoch waren die Schulverhältnisse noch um 1900 "trostlos", denn nur zwei Lehrer unterrichteten in drei Klassen 300 Schüler.

Es fehlt die Zeit, um auf die Vereine und das gesellige Leben im Dorf einzugehen. Erwähnt sei jedoch, daß 1879 die Ortsfeuerwehr schon 52 Mann stark war und über je eine fahrbare Spritze mit und ohne Saugwerk verfügte. Fünfundzwanzig Jahre später waren die Ausrüstungen der Männer durch "Gebrauch, Brandschaden und Mottenfraß ... abgängig geworden", wobei die Helme - ehemalige Bayerische (!) Infanteriehelme - besonders erwähnt wurden. Um 1903 bestand als Verein die welfisch-monarchistische "Altbraunschweigische Vereinigung". Graf Werner von der Schulenburg (1847 - 1931) war sogar Landesvorsitzender der "Braunschweigischen Rechtspartei", einer Splitterpartei. Als 1903 anscheinend Mitglieder der Hehlener Welfenvereinigung bei der Reichstagswahl dem Kandidaten der SPD ihre Stimme gaben, erging an sie die Aufforderung, aus dem Verein auszutreten. Daraufhin schied ein Drittel der 60 Mitglieder aus. Der Ortsverein der SPD konnte nach dem Zweiten Weltkrieg in Hehlen sein sechzigjähriges Bestehen feiern.

Werfen wir zum Abschluß noch einen Blick auf einige Ereignisse im 20. Jahrhundert.

Im Jahre 1909 setzte der braunschweigische Herzog-Regent während seiner Bereisung des Landkreises Holzminden bei Daspe mit der Fähre nach Hehlen über, wo Aufstellung genommen hatten: Gemeinde- und Kirchenvorstand, Feuerwehr, Gesangvereine, Liedertafel sowie Schulkinder aus Hehlen, Daspe, Hohe und Brökeln mit ihrem Lehrer. Einige Untertanen wurden durch gnädige Ansprache ausgezeichnet. Der Herzog, vorletzter Landesherr in einer versinkenden feudalen Zeit, kam schon mit dem Automobil!

Das alte ländliche Dorfgefüge löste sich um die Jahrhundertwende auf. Die Bevölkerung, ihre Arbeitsverhältnisse und ihre Freizeitgewohnheiten veränderten sich durch die von heimischen Fabrikanten in Gang gesetzte Industrialisierung. Die Fabriken und das Gut beschäftigten bis zu hundert polnische Arbeiter. Der Graf forderte schon seit 1881 wiederholt die Stationierung eines Polizisten in Hehlen, da Übergriffe, Vergehen, Unsicherheit und moralische Schlechtigkeit angeblich zugenommen hatten. Sogar die Sägemühle hatte gebrannt und in einem Monat wurde in den Waldungen jetzt mehr gestohlen als früher in einem Jahr. Im Jahre 1909 beklagte der Graf die "wirklich traurigen Zustande" im Dorf, die ihn persönlich veranlaßten, mit niemandem mehr freiwillig zu sprechen. Kleine und große "Verbrechen" seien an der Tagesordnung und die Jugend stehe noch um Mitternacht auf der Straße herum. Die zuständigen Behörden hielten das für übertrieben, aber waren auch der Meinung, daß die Jugend schrecklich verroht sei, seit sie abends nicht mehr in den Spinnstuben arbeitete, sondern sich auf den Straßen und in den Wirtschaften herumtrieb. Die Polizei erklärte sich die Jugendverrohung durch den Einfluß von ortsfremden Elementen, insbesondere der an Land gehenden Weser-schiffer sowie der Sozialdemokraten in Kemnade. Das Herumstehen der Jugendlichen dagegen galt als allgemeines Zeitübel, das nicht einmal die Polizei verhindern konnte. Nachdem aber auch die Straftaten im Ort angestiegen waren, wobei die Täter nicht ermittelt werden konnten, wurde im Jahre 1914 in Hehlen eine Gendarmerie-Nebenstelle eingerichtet, die noch 1929 existierte. In besonderen Situationen, wie etwa im Herbst 1920, mußte zur Verstärkung auch Sicherheitspolizei hierher beordert werden.

Als einschneidender Zeitabschnitt wurden Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit in Hehlen empfunden: aus diesem Grunde mauerte man im Jahre 1926 in den Sockel des örtlichen Kriegerehrenmals eine kleine, vom Kantor Meyer verfaßte Chronik mit "Erinnerungen aus Kriegs- und Nachkriegszeit" ein. Im Jahre 1921 erläßt jedoch die Gemeinde eine Satzung über die Erhebung einer Lustbarkeitssteuer (u. a. für das Schützenfest pro Tag: 100 Mark).

In den Jahren 1920 bis 1922 geriet Hehlen durch zwei politische Affären lange in die Schlagzeilen der braunschweigischen Landeszeitungen. Es ging dabei jedesmal um den vielumstrittenen linksradikalen braunschweigischen Ministerpräsidenten Sepp Oerter. Dieser hatte im September 1920 beim sogenannten "Mühlenkrieg in Hehlen" persönlich an Ort und Stelle vermittelt, als die Einwohner die von den Behörden geschlossene Brockmannsche Getreidemühle offenbar stürmen und öffnen wollten. Er war eigens im Automobil vom Braunschweiger Staatsministerium nach Hehlen gefahren, weil dort angeblich der Kreisdirektor von Holzminden bedroht worden sei. Die Ursache des Hehlener Mühlenkrieges sollen anscheinend Spannungen zwischen dem Müller und dem Fabrikanten Wemmel gewesen sein, dessen Papierfabrik die Menge wohl auch stürmen wollte. Nach Oerters Vermittlung ruckten 20 bis 30 Mann Sicherheitspolizei in Hehlen ein. Im Oktober 1920 warfen dann "viele Einwohner von Hehlen" Oerter in einem Leserbrief in der Landeszeitung vor, mit der "Gegenpartei", d. h. dem Fabrikanten Wemmel, Beziehungen zu unterhalten. Der Ministerpräsident ließ zwei Tage später persönlich in der Presse verbreiten, daß er nur dem Allgemeinwohl verpflichtet sei und über den Parteien (in Hehlen) stehe. Über die verworrenen Vorgänge in Hehlen gab Oerter im Braunschweiger Landtag eine Erklärung ab. Daraufhin veröffentlichte der hiesige Gemeinderat in der Presse eine Gegendarstellung unter dem Titel "Hehlen im Spiegel der Wahrheit", worin er den Minister der Luge und Bestechlichkeit bezichtigte. Oerter strengte daraufhin einen Beleidigungsprozeß gegen den Gemeinderat an, den er auch gewann. Doch ein Jahr später stürzte Oerter über einen beispiellosen Skandal, der in die braunschweigische Geschichte eingegangen ist: von seinem Ministerschreibtisch wurde ein Brief entwendet, in dem Oerter dem Papierfabrikanten Wemmel in Hehlen ganz offen anbot, seiner Fabrik gegen vertraglich zugesicherte Bezahlung weiterhin in seinem Ministeramt gute Dienste zu erweisen. Oerter führte in diesem klassischen Dokument von Korruption wörtlich aus: "Werter Herr Wemmel! Sie werden sich der Überzeugung nicht verschließen, daß ich mich jederzeit bemüht habe, in Ihrem und im Interesse Ihres Betriebes tätig zu sein. Es ist mir nun ein Bedürfnis, die Beziehungen, welche mich mit Ihnen verbinden, zu dauernden für Gegenwart und Zukunft zu machen. - Ich schlage Ihnen deshalb ein vertragliches Verhältnis vor, durch welches ich mich verpflichte, jederzeit mit Rat und Tat Ihnen zur Seite zu stehen .... Als Gegenleistung schlage ich Ihnen vor: Solange ich auf meinem gegenwärtigen Posten bin, sichern Sie mir aus dem .... Reingewinn Ihrer Unternehmungen drei Prozent zu". usw. usw. ! Dieser Brief gelangte durch seine "Parteifreunde" in die Presse, worauf Oerter aus der Unabhängigen SPO (USPD) ausgeschlossen wurde. In seiner Verteidigungsflugschrift "Ich Sepp Oerter - klage an!" (1922) spielte dieser Wemmel-Brief die Hauptrolle. In diesem Pamphlet gab Oerter zu, dem Fabrikanten und seiner damals nicht gut florierenden Papierfabrik seit 1920 vielmals geholfen zu haben. Wemmel seinerseits erklärte, daß er den Brief von Oerter nie erhalten hatte. Der Ministerpräsident hatte ihm aber "in dem bekannten Hehlener Streit" auf sein Hilfegesuch hin durch persönliches Eingreifen beigestanden. Es kam auch heraus, daß Oerter von Wemmel im Vorjahr 4000 Mark erhalten hatte - wofür, blieb umstritten. In dieser grotesken Verteidigungsschrift warf Oerter seinen Parteigenossen vor, ihn mit der Veröffentlichung des Wemmel-Briefes auf das infamste politisch "gemeuchelt", "ermordet", zu haben. Aus der Hehlener Dorfposse - dem Mühlenkrieg - war dadurch eine Kleinstaats-Tragikkomödie geworden.


 

 

In den Wahlen nach dem Ersten Weltkrieg war die SPD mit großem Abstand stärkste Partei in Hehlen (bis 1927). Im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde der seit 1924 als Gemeindevorsteher amtierende Mühlenbesitzer Brockmann, der Mitglied des "Stahlhelm" war, 1933 abgesetzt. Unmittelbar gefährdet waren im Dritten Reich die in Hehlen stets überdurchschnittlich zahlreich vorhandenen Juden. Diese hatten im 18. und 19. Jahrhundert - zumindest zeitweise - einen eigenen Lehrer und Rabbiner in Hehlen. Hier lebten im Jahre 1829 unter den insgesamt 899 Einwohnern immerhin 44 Juden (in Hohe damals 9 Juden).

Mitten im Zweiten Weltkrieg wurden die Hehlener durch die Abtretung des Landkreises Holzminden für kurze Zeit noch preußische Landesangehörige. Über 500 Jahre lang halte die Gemeinde zum Land Braunschweig gehört. Hehlen war in den letzten Jahrhunderten ein braunschweigischer Grenzort gewesen, denn im Borden begann hannoversches und ab 1866 preußisches Staatsgebiet. Bis zum Jahre 1934 gab es sogar noch eine eigene Braunschweigische Staatsangehörigkeit! Das Adlige Gericht hatte zahllose Grenzstreitigkeiten mit den Nachbarn ausgefochten. Zwischen Bodenwerder und Hehlen war der Grenzverlauf am Noltenbusch besonders unklar, so da6 es im 18. Jahrhundert dort zu Schlägereien zwischen den Einwohnern gekommen ist und die Kemnader die Grenzsteine ausgegraben graben. Dabei datiert der erste Rezeß zwischen den Schulenburgern und der Stadt Bodenwerder über die "endgültige" Beilegung der Streitigkeiten um den Noltenbusch immerhin schon aus dem Jahre 1571! Die braunschweigische Landespolizei durfte noch in unserem Jahrhundert nur bis zur Landesgrenze operieren, und man kann es kaum für möglich halten, daß das Rechtsfahren der Fahrzeuge in Straßenverkehr erst im Jahre 1929 amtlich im Freistaat Braunschweig eingeführt worden ist. Eine Erforschung der Grenzprobleme, die unseren Ort in früheren Jahrhunderten betrafen, würde noch weil mehr Absurditäten ans Licht bringen. Schon um 1400 gab es möglicherweise einen Schlagbaum in Hehlen, obwohl dort noch keine echte Territorialgrenze existierte. Von dem später zeitweise zum Gericht Hehlen gehörigen Ort Frenke, d. h. einer braunschweigischen Exklave im calenbergischen Nachbarland, heißt es 1556 deutlich genug: "Mit den Hausern, Flecken und Dörfern des Amtes Grohnde hat das Dorf Frenke, ... das mitten wie unter den Hunden liegt, aller Enden Irrung und Gebrech!"

Im Zweiten Weltkrieg blieben Dorf und Schloß verschont, obwohl hier im April 1945 zwei Generale ihre Kampfgruppengefechtsstände kurze Zeit aufgeschlagen hatten. Nach dem Zusammenbruch erhöhte sich die hiesige Einwohnerzahl durch die Aufnahme von rund 700 Flüchtlingen um fast zwei Drittel. Vor Kriegsbeginn hatte Hehlen 1939 noch 987 Einwohner, nach dem Zusammenbruch im Jahre 1946 dann 1713 Bewohner (bei 467 Haushaltungen). Wahrscheinlich durch Abwanderung von Flüchtlingen sank die Wohnbevölkerung etwa nach 1959 wieder nicht unbeträchtlich ab (1961: 1472 Einwohner). Die vollständige Integration der Flüchtlinge in die alteingesessene Bevölkerung ist eine der wichtigsten sozialen Leistungen in der fast zwölfhundertjährigen Dorfgeschichte von Hehlen.

Der plötzliche Verkauf des Gutsbesitzes - eines früheren Familienstammguts - 1956 traf das Gesamtgeschlecht von der Schulenburg nach dem Verlust aller ostdeutschen Besitzungen besonders schmerzlich, sie der neuesten "Geschichte des Geschlechts von der Schulenburg" (1984) zu entnehmen ist. Die Familie war in den Welfenlanden fest verwurzelt. Fast alle Hehlener Schloßherren hatten im Herzogtum Braunschweig sowie im Kurfürstentum bzw. Königreich Hannover höhere Beamten-, Offiziers- und Hofstellungen innegehabt. Seit dem vorigen Jahrhundert überwog der Typus des fachlich vorgebildeten Land- und Forstwirts. Der 1887 neu erbaute imposante Rittersaal mit seinen Portraits von Schulenburgern hatte den Charakter eines Familienmuseums. Dennoch verkaufte Graf Johann-Heinrich in Jahre 1956 den gesamten Land- und Forstbesitz nach fast vierhundertjähriger ununterbrochenen Besitzzeit an die Hannoversche Siedlungsgesellschaft. Die Kunstschätze gelangten in den Antiquitätenhandel und ein Teil der Bilder, mindestens zeitweise, in das Landesmuseum in Hannover. Das Archiv des Hauses, Gutes und Gerichts Hehlen wurde im Hauptstaatsarchiv in Hannover deponiert.
Die Bibliothek kam als Depositum in die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Der letzte gräfliche Schloßherr starb 3974 als Industriekaufmann.

Damit ging in Hehlen eine lange adlige Tradition abrupt zu Ende, die diesen Kleinraum an der braunschweigischen Landesgrenze aufs Stärkste geprägt hatte. Das Schloß wurde an den aus Hehlen gebürtigen Konsul Koch, Inhaber einer Kaffee-Großhandlung, verkauft.

Durch die Gemeindereform trat die neugebildete Gemeinde Hehlen 1973 mit der Eingemeindung von Brökeln, Daspe und Hohe gebietsmäßig gesehen sozusagen das historische Erbe des alten Hehlener Gerichtsbezirks an. Die Einwohnerzahl stieg auf nunmehr 2393 (1980). Zwar war Hohe insofern eine Hehlensche "Neuerwerbung", als dieses Dorf weder zur homburgischen Vogtei Hehlen noch zum Adligen Gericht gehört hatte. Jedoch war Brökeln schon lange nach Hohe orientiert, wohin seine Einwohner zur Kirche und seine Kinder zur Schule gehen mußten. Auch gab es noch andere Gemeinsamkeiten: beide Orte zahlten aufgrund ihrer unzusammengesetzten Namen zu den ältesten Siedlungen auf der Ottensteiner Hochebene und beide überstanden die spätmittelalterliche Wüstungsperiode, in der mindestens neun Siedlungen im westlichen Teil der Ebenen untergingen und nur drei übrigblieben (Brökeln, Hohe, Ottenstein), d. h. 77 Prozent verschwunden sind.

Noch einige Bemerkungen zum Abschluß. Hehlen wird zwar seit zweihundert Jahren in den großen Universallexika (Zedler, Brockhaus) erwähnt, aber sonst ist merkwürdigerweise über den Ort so gut wie nie geschrieben worden. Dabei hat Hehlen an der Weser auch zwei berühmte Männer hervorgebracht. Der große Chemiker und Hüttenfachmann Wilhelm August Lampadius (1772 - 1842) entdeckte den Schwefelkohlenstoff und erfand die geteerte Dachpappe. Er ist einer der Pioniere der Gasbeleuchtung. Neben Lehrbüchern verfaßte er rund 300 Einzelarbeiten zu vielen chemisch-technischen Problemen. Unter anderem befaßte er sich mit der Zuckergewinnung aus Kartoffelstärke und der Gesundheitsschädlichkeit von bleihaltigem Eßgeschirr. Seit 1794 lehrte er als Professor an der hochberühmten Bergakademie Freiberg in Sachsen. Der Mediziner Waldeyer (1836 - 1921) war ein bedeutender Anatow. Br wurde Professor und Direktor des anatomischen Instituts in Berlin, verfaßte zahlreiche wichtige Fachschriften und galt als einer der glänzendsten Lehrer seiner Zeit. Nachdem er den Adel erhalten hatte, nannte er sich von Waldeyer-Hartz. Er ist der Entdecker des Keimepithels und prägte den Begriff "Chromosom".

Zwei namhafte, im Jahre 1944 hingerichtete Vertreter des Widerstandes gegen Hitler stammen zwar aus dem Ast Hehlen der Grafen von der Schulenburg, sind jedoch nicht in Hehlen geboren: Fritz Dietloff (geb. 1902) war Regierungspräsident und entwarf eine Reichsverwaltungsreform für die deutschen Widerstandsgruppen des 20. Juli. Seine Witwe lebte mit ihren sechs Kindern nach der Flucht seit 1945 einige Jahre in Hehlen. Graf Friedrich Werner (geb. 1875) war von 1934 bis 1941 deutscher Botschafter in Moskau und sollte nach der Beseitigung Hitlers deutscher Außenminister werden.

Verdiente Söhne Hehlens sind aber auch die Begründer der hiesigen Industrie, deren Gräber auf den Gemeindefriedhof noch erhalten sind; mit bescheidenem Stolz ließ man auf ihre Grabsteine setzen: "Lederfabrikant und Vollmeier Georg Sander" (1818 - 1905), "Heinrich Reitemeyer - Gründer der Hehlener Kalkwerke" (1848 - 1907), "Lederfabrikant Julius Heller" (1870 - 1956) und "Lederfabrikant Emil Heller" (1891 - 1964). Ihnen verdankt Hehlen seinen heutigen Status als wohlhabende Industriegemeinde. Bemerkenswerterweise gelang einheimischen Fabrikanten die Industrialisierung dieses Weserortes, wobei das Überangebot an Arbeitskräften, der alte Gewerbefleiß der Bevölkerung, lokale Bodenschätze und wohl auch Standortvorteile (Lage an der Weser und reichlich vorhandene Wasserläufe) sehr günstige Voraussetzungen boten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen noch die Hanning-Elektrowerke als weiterer Industriebetrieb hinzu.


Im vielfältig zusammengesetzten heutigen Ortsbild Hehlens spiegelt sich seine lange, komplizierte und sehr interessante Geschichte. Im trotz aller modernen Einschübe nicht verschandelten, weitgestreckten Ortsbild dominieren: die teils ebene, teils bergige Lage an der Weser vor der imposant aufsteigenden Ottensteiner Hochfläche, der äußerst malerische Schloß- und Gutsbezirk am Weserufer, der alte mit neuen Bauten durchsetzte Dorfkern, die modernen, schmucken Außensiedlungen sowie, sehr an die Ränder gerückt, die Industriebetriebe. Die Weserfähre mit dem kleinen "Schwesterort" Daspe erinnert an vergangene Zeiten. Ein für Hehlen charakteristisches Element sind die starken Bäche mit ihren Talschluchten, Brücken, Mühlenbauten. Die Immanuelskirche hat kein dörfliches, sondern ein höfisch-feudales Gepräge. Während der starke Verkehr auf der Wesertalstraße durch Hehlen braust, liegen hoch oben die Dörfer Brökeln, Hohe und das Vorwerk Ovelgönne so einsam und weltverloren im Ottensteiner Massiv, als wäre hier die Zeit stehengeblieben. Brökeln und Hohe sind merkwürdigerweise ebenso eng benachbart wie Hehlen und Daspe. Die Kirche in Hohe ist eine der wenigen erhalten gebliebenen romanischen Dorfkirchen im Kreis Holzminden und ersetzt, nach der Eingemeindung, das in Hehlen sonst baulich nicht vertretene Mittelalter. Dorfwüstungs- und Mühlenromantik umgibt die im tief eingeschnittenen Hagenbachtal versteckte Sievershagener Mühle, die mit Hehlen ja lange in Verbindung stand. Im Wechsel von Ackerland und Wald am Ostabfall der Ottensteiner Hochfläche kann man noch heute die Rodungsvorstöße aus den Siedlungen ablesen. Immer noch eindrucksvoll ist das sich nördlich zur ehemaligen Landesgrenze hinziehende große Hehlener Holz (früher "Wohld"). Das einsame, hochgelegene Ovelgönne als neuzeitliche Ausbausiedlung erinnert an spätmittelalterliche Flurwüstungen (vielleicht auch Ortswüstungen). So ist in dem die Gesamtortsanlage beherrschenden Vierklang: Dorfzentrum - Schloß - Industriebetrieb Vorwerk gleichsam noch heute nacherlebbar die Siedlungs- und Ortsgeschichte Hehlens sichtbar ausgeprägt. Die bis ins vorige Jahrhundert noch gebräuchlichen vielen alten Flurnamen sind von den Einwohnern Hehlens und seiner Nachbarsiedlungen geprägt worden. Sie würden bei einer eingehenden Erforschung manches über die Orts- und Siedlungsgeschichte verraten. Der verlassene, aber gut erhaltene Judenfriedhof schließlich erinnert an die ehemalige israelitische Minderheit im Dorf (im Jahre 1933: 1,7 %).


Am 1. 1. 1973 wurde das vergrößerte Hehlen Mitgliedsgemeinde in der neuen Samtgemeinde Bodenwerder. Es konnte zwar bei der Gemeindereform seine Identität wahren, ist aber nun nur noch eine von sechs Mitgliedsgemeinden in Groß-Bodenwerder. Damit ist Hehlen in einen neuen Abschnitt seiner bald eintausendzweihundertjährigen Geschichte eingetreten. Eine lange Entwicklung führte von der Altsiedlung Heli zum Junkerdorf und dann zum Großdorf und zur Industriegemeinde. Hoffen wir, daß Hehlen sich auch in seinem jetzigen, etwas farbloseren Status als Mitgliedsgemeinde in Zukunft kräftig behauptet und seine Eigenart wahrt. Als geschichtlich interessantes und an Besonderheiten reiches Großdorf verfügt es auch für die Zukunft über die besten Voraussetzungen für ein ausgeprägtes und fundiertes Selbstbewußtsein.


Daß die Hehlener sich oft ihrer Haut zu wehren wußten und sich gegen mancherlei Obrigkeiten und Herren energisch behaupteten, hat der Vortrag wohl zur Genüge gezeigt. Insofern kann die Geschichte Hehlens auch als eindrucksvolles Beispiel für die demokratische Selbstbehauptung einer Landgemeinde im Feudalstaat gelten. Denn hier war das Mißverhältnis zwischen privilegierter adliger Minderheit und nichtprivilegierter Bevölkerungsmehrheit durch die Gerichtsherrschaft besonders kraß ausgeprägt. Am Eingang des Gutshofes ließ der Schloßherr wohl nach 1900 unter einem das Sachsenroßwappen haltenden braunschweigischen Löwen einen monarchistischen Trutzspruch anbringen, in dem die damals schon unzeitgemäße Formel "Herr und Knecht" noch vorkommt. Daß die Beherrschten Widerstand leisteten, ihre Rechte zu wahren suchten und sich kleine Freiheiten erkämpfen wollten, ist ein urdemokratischer Zug. Zudem verkörperten sie ja wirklich "das Volk". Insofern sollte man wünschen, daß der Typ des "halsstarrigen " Hehleners auch in Zukunft nicht ausstirbt. Halsstarrigkeit galt allgemein schon im 17. Jahrhundert als Kennzeichen des sich nicht duckenden Bauern, wie beispielsweise in dem bauernfeindlichen Pamphlet "Des ... schlimmen Bauernstand ... Sitten- und Lasterprob" (1684) nachzulesen ist: "Bauren sind zwar Menschen, aber etwas ungehobelter und gröber als die anderen. Einem Bauren gehört der Flegel in die Hand ... und eine Mistgabel an die Tür .... In Gebärden wird er selten an seinen Hut gedenken, denselben abzuziehen. ... Niemand weiß besser, wie halsstarrige Vögel die Bauren sind, als der sie eine Zeitlang kennet und verschiedene Jahre bei ihnen gelebt. Mit ihrer Halsstarrigkeit können die Hehlener sich aber auch als echte Niedersachsen betrachten, weil bekanntlich Steifnackigkeit oder Dickschädeligkeit ja geradezu als niedersächsische Nationaleigenschaft gilt. Schrieb doch schon ein mittelalterlicher Chronist erbost in schönem "Plattdeutsch", der alten Sachsensprache, über die Niedersachsen: "De Sassen alse harde stievenackede lede, alse ein steen!" Schließlich kann man die Hehlener im abgelegenen Weserkreis aber auch als echte Braunschweiger ansehen. Äußerte sich doch ein Kenner 1826 folgendermaßen über die braunschweigische Landbevölkerung: "Der Braunschweiger Landmann ... ist ... auf seine Rechte und Freiheiten so eifersüchtig, daß er alles, ja selbst den letzten Notpfennig daran setzt, um sich dieselbe zu erhalten. ... Er scheuet fast jede zuvorkommende Höflichkeit als Kriecherei oder als Betrug, und wer ihn recht kennt, wird nicht in Abrede stellen, daß er systematisch grob sei ... Es ist ... nicht zu leugnen, daß Mißtrauen und Verschlossenheit gegen die höheren Stände ... dem Gemüte unserer Landleute tief eingeprägt sind." Ein Kantor in der Nähe der Residenzstadt Wolfenbüttel schließlich klagte 1753: "Es sind die Bauern, die nahe am Elm wohnen ... unbeugsam, rauh und grob beschaffen.' Braunschweigische Grobheit wird gelegentlich sogar von den hohen Herren hervorgekehrt. So bezeichnete sich selbst der sehr gebildete Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (gest. 1589) mit Vorliebe als groben alten braunschweigischen Sachsen, wobei er höhnte, daß solche "grobe braunschweigische ... Sachsenart nicht allen gleich anmutig sei". Insofern bekennt die Gemeinde Hehlen am heutigen Jubiläumstag selbstbewußt im wahrsten Sinne des Wortes "Farbe", wenn sie dieses schöne Festzelt am Weserstrom mit den alten blau-gelben braunschweigischen Landesfarben ausschmückt!


 

 

Quellen

Seit alten Zeiten schimpft man auf die Verwaltungsbehörden und ihren Papierkram. Die Gemeinde Hehlen jedoch sollte - zumindest am heutigen Jubiläumsfest - den Mönchen in der Schreibstube des Klosters Fulda in Hessen dafür dankbar sein, daß dort vor fast 1200 Jahren in einer Grundbesitzliste der Ortsname Hehlen zum erstenmal schriftlich aufgezeichnet und damit verewigt wurde. In einer ehrwürdigen mittelalterlichen Pergamenthandschrift ("Codex Eberharde", d. h. Ruch des Mönchs Eberhard aus der Zeit um 1160 n. Chr.), die heute im hessischen Staatsarchiv Marburg aufbewahrt wird, findet sich nämlich der lateinische Eintrag "Hemmich schenkte dem Kloster Fulda seine Güter im Ort Heli". Den Geschichtsforschern ist es nach großen Schwierigkeiten gelungen, diese ohne Jahreszahl überlieferte Nachricht zu datieren und herauszufinden, dai3 dieses "Heli" unser heutiges Jubiläumsdorf Hehlen ist. Die Schenkungsnotiz muß in den Jahren zwischen 802 bis 817 nach Christi Geburt niedergeschrieben worden sein. Damit gehört Hehlen zu den vier allerältesten Gemeinden des Kreises Holzminden und auch zu den 570 ältesten Orten in ganz Niedersachsen. Das ist wahrhaftig ein Anlaß zu feiern und dabei auch einmal auf die Geschichte Hehlens zurückzublicken, die mancherlei Besonderheiten aufweist.

Doch muß auch erwähnt werden, daß von der ständig fortschreitenden Geschichtsforschung in allerjüngster Zeit (1978) gegen die bisher gültige Datierung der sogenannten "Fuldaer Schenkungsverzeichnisse", einer berühmten und wichtigen, aber sehr schwierigen Geschichtsquelle, kritische Bedenken erhoben worden sind. Ob dadurch auch die bisherige genauere zeitliche Eingrenzung der in dieser Quelle enthaltenen Hehlener Schenkungsnotiz auf die Jahre "zwischen 802 bis 817" ins Wanken gerät, bleibt abzuwarten. Doch wird sich an der Haupttatsache, daß Hehlen nämlich bereits im Anfang des 9. Jahrhunderts urkundlich erwähnt wird, nichts ändern.

Wann Hehlen nun wirklich entstanden oder "gegründet" ist, wissen wir nicht. Auch bei anderen ganz alten Orten unter den rd. 4.300 (Stand 1950) Gemeinden Niedersachsens kennen wir das Entstehungsjahr fast nie. Was ist der Grund dafür?

Hehlen ist wahrscheinlich zum erstenmal dauernd besiedelt worden in einer frühen Zeit, aus der keine schriftlichen Dokumente überliefert sind, weil die Germanen und ihre Vorgänger die Schrift noch nicht kannten. In Hehlen und bei Kemnade sind mehrfach Urnengräber, wohl aus der Eisenzeit, gefunden worden und in dem mit Hehlen stets sehr eng verbundenen Daspe entdeckte man kürzlich Siedlungsspuren aus der Steinzeit und der Eisenzeit. Weitere Siedlungsanzeichen für Hehlen sind ein jungsteinzeitliches Beil sowie ein frühmittelalterlicher Reihengräberfriedhof (z. T. 8./9. Jahrhundert). Am linken Weserufer bei Bodenwerder wurde im Flußbett ein fünf Meter langer Einbaum gefunden und Luftaufnahmen lassen die Spuren einer offenbar von Menschenhand geschaffenen Anlage bei Kemnade (Kastell?) erkennen. Seit wann Hehlen aber ständig besiedelt war, ist ganz ungewiß, denn die vorgeschichtlichen Siedlungen waren häufig nicht an einen einzigen Ort gebunden, sondern wurden hin- und herverlegt. Auf hohes Alter unseres Ortes konnte auch seine Lage deuten: Hehlen liegt siedlungsgünstig genau am Zusammenfluß zweier mittelstarker Bäche. Nordöstlich davon öffnet sich die fruchtbare und altbesiedelte Hameln-Grohnder Weserniederung, durch die von Westen nach Osten eine uralte Straße führte. In früher Zeit ganz siedlungsabweisend und verkehrsarm waren dagegen nur die Ottensteiner Hochfläche und das lange enge Wesertal im Süden unseres Ortes.

Ein ganz wichtiges historisches Zeugnis für das Alter der Siedlung und die Bedeutung dieses Geländestücks am Weserufer für die Menschen in fernster Vergangenheit ist nun der Ortsname Hehlen. Doch ist leider gerade die Ortsnamenforschung, d h. die Erklärung und Altersbestimmung unserer deutschen Dorfnamen, eines der schwierigsten und umstrittensten Kapitel unter den Siedlungs- und Sprachgeschichtswissenschaftlern. Die Bezeichnung Hehlen ist ein sogenannter "dunkler Name", mit dessen Deutung man sich schon seit über hundert Jahren beschäftigt. Ursprünglich (Forstemann 1872) vermutete man einen sprachlichen Zusammenhang mit ähnlich klingenden Inselnamen (Halbinsel Hela vor der Weichselmündung). Dann meinte man (H. Dürre 1877), daß im Ortsnamen Hehlen der germanische oder altsächsische Männername "Eilo" oder "Agilo" steckt; dieser Name ist wohl von einem Wort mit der Grundbedeutung "Schrecken" abgeleitet. Eine umstrittene Deutung (H. Bahlow 1965) will in "Hehlen" ein vorgermanisches Wort ("kel-") für "Moor, Morast" erkennen und stellt unseren Ort in Parallele mit ähnlich lautenden in Niedersachsen, Westfalen und Holland. Neuerdings nimmt man an, daß der Name Hehlen wohl auf das indogermanische Grundwort "kel-", das "feucht" bedeutet, zurückgeht und ursprünglich ein Gewässername war (Reinhold Möller" Niedersächsische Siedlungsnamen ... vor dem Jahre 1200, 1979, S. 71 f.). Gerade die Gewässernamen gelten als sehr alt: Gewässer sind höchst auffällige, abgrenzbare und für den frühen Menschen lebenswichtige Naturerscheinungen. Nach Möllers Deutung wäre Hehlen möglicherweise ein vorgermanischer Name, da. h. er wurde in die Zeit vor dem Auftreten der Germanen in unserem Gebiet und damit vor Christi Geburt zurückreichen. Auch der Flußname Weser ist vorgermanisch, vielleicht sogar keltisch. Hehlen ist ein "eingliedriger", d. h. aus einem einzigen Wort bestehender Name. Diese unzusammengesetzten, aus einem Wortstamm bestehenden Ortsnamen gelten gemeinhin als alt und schwer zu deuten. Eine strenge zeitliche Einordnung dieser Namen ist nicht möglich. Ähnlich wie "Hehlen" lautende Gewässer- und Flurnamen kommen (laut Möller) im Lüneburgischen, im Schaumburgischen und Stadeschen vor. Eine andere neuere, für die Namenserklärung ebenfalls in Frage kommende Deutung (Jellinghaus 1923) will in Hehlen das altsächsische Wort "helan" ( = verbergen: vgl. "(ver)hehlen") erkennen; danach wurde Hehlen wie ca. sechs ähnliche westfälische Ortsnamen ungefähr bedeuten: "Ort der versteckt, etwa im Walde liege". Wie dem nun auch sei: beim Namen Hehlen dürfte es sich um eine Gelände- oder Stellenbezeichnung handeln, die die natürlichen Eigenschaften (feucht) oder die Lage (versteckt) überaus treffend charakterisiert. Sehr alt sind auch die Gewässernamen "Daspe" und "Allerbach". Das Grundwort "apa" in Daspe bezeichnet einen Wasserlauf und reicht in die älteste germanische Zeit zurück. Den ersten Menschen in unserem engeren Gebiet, die uns sprachliche Zeugnisse in Form dieser Namen über wohl mehr als zwei Jahrtausende hinweg hinterlassen haben, fielen demnach die hier konzentrierten Gewässer auf. Der Name "Hagenbach" ist demgegenüber relativ jung und offensichtlich von der mittelalterlichen Wohnstätte "Sievershagen" abgeleitet. Auffallend ist die Tatsache, daß genau gegenüber der Mündung der Daspe in die Weser am anderen Flußufer die Dorfstätte Daspe liegt, die mit Hehlen seit alters nicht nur durch die Fähre eng verbunden ist. Seit 1410 wird oft ein Flurstück "Dasperod" genannt, das anscheinend mit Sievershagen in Verbindung steht. Im Ortsnamen "Hohe" vermutete man das Grundwort "hoch" (hochgelegen). Wahrscheinlicher aber ist, daß das germanische Wort "haugaz" für Grabhügel in diesem Ortsnamen steckt.
Wann aus der ursprünglichen Gelände- oder Stellenbezeichnung (Flurnamen) Hehlen ein Siedlungsname für die Dauerwohnstätte geworden ist, ist uns im Dunkel der Vor- und Frühgeschichte völlig verborgen.

Die erste urkundliche Erwähnung Hehlens in der Fuldaer Handschrift sagt erstmals etwas Genaueres über unseren Ort aus: denn der dort genannte Hemmich ist der erste uns bekannte Grundbesitzer in Hehlen. Hemmich war höchstwahrscheinlich ein Adliger. Seinen Wohnort kennen wir nicht; denn der Adelsgrundbesitz war schon damals und dann im ganzen Mittelalter sehr zersplittert und verstreut. Die Schenkung der Güter in Hehlen an das weit entfernte Kloster Fulda hatte einen religiösen Zweck und war im Sinne der Katholischen Kirche ein gutes christliches Werk. Hemmich war einer der ersten Christen in unserem Gebiet. Denn gerade eben erst waren die heidnischen Sachsen, die im Wesertal zwischen Polle und Hameln wohnten, von einem christlichen Missionar, dem Bischof und späteren katholischen Heiligen Erkanbert bekehrt worden. Erkanbert war "Bischof des Sachsenlandes" und nahm seinen Bischofssitz zunächst im nahen Kirchohsen an der Weser und später endgültig in Minden. Kirchohsen war die älteste christliche Kirche im Gebiet zwischen Hameln und Polle. Deswegen war auch die mittelalterliche Kirche in Hehlen, deren Gründungsjahr wir nicht kennen, dem Erzpriester in Kirchohsen, einer Art von Oberpfarrer, unterstellt. Das Kloster Fulda im schon langer bekehrten Lande Hessen unterstützte diese Mission des Bischofs Erkanbert im Gebiet von Hameln bis Polle und erhielt dort auch von anderen Adligen Landschenkungen. Hemmich wollte mit seinem Landgeschenk wahrscheinlich hier das Christentum fördern und hoffte, daß ihm das im Himmel gut angerechnet würde.

Einige Jahrzehnte später (853/854) verschenkt ein gewisser Hildibert zum Seelenheil von zwei zuvor Verstorbenen Land in Hehlen an das Kloster Corvey. Diese Schenkung hatte also einen ähnlichen Zweck, wie die erste. Das Kloster Corvey war kurz zuvor gegründet worden, um die christliche Religion und Kultur im neubekehrten Sachsenland zu verbreiten und zu erhalten. Ein großer Grundbesitz war die wirtschaftliche Grundlage dafür.

Aus diesen beiden ersten Nachrichten über unser Jubiläumsdorf können wir entnehmen: Dort hatten Adlige Landbesitz, den man genau kannte und beschreiben konnte. Wahrscheinlich saßen auf ihren Grundbesitzungen abhängige, nur halbfreie Bauern, die für sie arbeiten mußten. Wir kennen sogar die Namen von zwei Bauern des Klosters Corvey in Hehlen: Bruoder und Boicho. Es sind die ersten namentlich bekannten Einwohner unseres Ortes. Leider ist die entsprechende Nachricht im Corveyer Güterverzeichnis, das den Geschichtsforscher vor große Schwierigkeiten stellt, nicht genau zu datieren (wahrscheinlich frühes Mittelalter). Beide bauten Weizen und Hafer an.

Das ist so ziemlich alles, war wir aus den ersten Jahrhunderten über die Siedlung Hehlen erfahren. Der Ort war vermutlich noch lange keine einheitliche Dorfgemeinde, sondern eine Gruppe von ganz wenigen Höfen, die kaum Kontakt miteinander hatten. Wir müssen uns den Oberweserraum im beginnenden Mittelalter als riesiges Wald- und Ödlandsgebiet mit vereinzelt dazwischen verstreuten Siedlungsinseln vorstellen. Es gab noch keine Städte. Religiöse, kulturelle und wohl auch wirtschaftliche Mittelpunkte des Raumes waren nur die schon im 9. Jahrhundert gegründeten Weserkloster Corvey und Hameln. Das Kloster Fulda trat seinen Besitz in Hehlen später an sein Tochterkloster Hameln ab. Die Bauern in Hehlen waren weitgehend abhängig von ihren kirchlich Grundherren in Hameln und Corvey. Sie mußten ihnen vor allem Abgaben leisten und landwirtschaftliche Dienste für sie verrichten. Da es im Mittelalter keinen Staat und keine Verwaltung im heutigen Sinne gab, hatte der Grundherr auch allerhand obrigkeitliche Rechte auf seinem Besitz und über diejenigen, die darin wohnten.

Mit den beiden Klostern Hameln und Corvey mag auch die Entstehung der beiden von ihnen abhängigen Pfarrkirchen in Hehlen zusammenhängen. Zwei echte Pfarrkirchen mit allen Pfarrechten in einer einzigen Landgemeinde sind etwas Ungewöhnliches. Leider wissen wir nicht, wann und von wem diese beiden Kirchen gegründet worden sind. Als Gründer kommen in Frage: die Urkirche unseres Gebietes in Kirchohsen bzw. der zuständige Bischof von Minden, die Kloster Fulda, Corvey oder Hameln, aber auch andere Kloster und nicht zuletzt auch Adlige. Es konnte sich bei dieser frommen Doppeleinrichtung um Konkurrenzgründungen mit sehr irdischen Zwecken handeln. Jedenfalls existierten um Jahre 1290 in Hehlen je eine vom Kloster Hameln und Kloster Corvey abhängige Kirche, die sich beide schon seit längerer Zeit über ihre Pfarrechte stritten. Da beide Kirchen auch noch arm und getrennt nicht lebensfähig waren, vereinigte der Bischof von Minden sie im gleichen Jahr zu einer einzigen Pfarrkirche. Dennoch bestanden auch weiterhin noch zwei Kirchengebäude, nämlich die obere und die niedere Kirche. Die obere Kirche ließ man verfallen. Sie stand "auf des Junkers Hofe" und wies eine herausgehobene Lage auf einer breiten, halbrundartigen kleinen Erhöhung über dem Dorfe auf. An ihre Stelle wurde die heutige Immanuelskirche errichtet. Woher der heute in der Immanuelskirche befindliche grabbehauene mittelalterliche Stein (Weihwasser- oder Taufstein?) stammt, ist nicht bekannt. Wo genau die heute verschwundene niedere Petruskirche gestanden hat, wissen wir ebenfalls nicht. Sie ist aber noch auf zwei Kupferstichen des 17. Jahrhunderts mit einem großen spitzen Turm in einiger Entfernung vom Schloß zu sehen (in Merians berühmter Topographie).

In Hehlen hat es immer viel Streit und Prozesse gegeben, wie wir noch sehen werden. Ein Pfarrer hat es sogar fertiggebracht, das Oberhaupt der Christenheit damit zu behelligen: der hiesige Pfarrer Hermann Rike klagte nämlich einmal so gewaltig gegen die Stadt Lemgo, Daß der Papst in Rom selbst sich in diese Sache 1397 einschaltete.

Wie wenig durchgebildet die schriftliche Verwaltung im Mittelalter war, kann man schon aus der verschiedenen Schreibweise des Ortsnamens ersehen: Heli, Heloon, (Helan), Heylen, Helen (in der Neuzeit dann noch: Halen, Heelen). Unser Ort wird im Verlauf des ganzen Mittelalters, d. h. für einen langen Zeitraum von etwa 700 Jahren, nur einige Dutzendmal in Urkunden erwähnt, woraus man kein klares Bild der Dorfentwicklung gewinnen kann. Jedenfalls hatten zahlreiche Adelsfamilien und kirchliche Einrichtungen hier Besitz und die verschiedensten Rechte, die sich äußerst buntscheckig und zersplittert ausnahmen. Freie, d. h. herrenlose Bauern gab es im Mittelalter in Hehlen nicht. Im Hochmittelalter wird der Ort schätzungsweise aus höchstens fünf bis sieben größeren Höfen und einigen Kleinhöfen bestanden haben. Mit mehr als 100 Einwohnern kann man damals nicht rechnen. Im Spätmittelalter vergrößert sich dann die Siedlung: die Zahl der Höfe und der Einwohner sowie die landwirtschaftlich genutzte Flache nehmen zu. In einer Liste aus der Zeit um 1400 werden etwa 15 Hofstellen in Hehlen kurz beschrieben und die Besitzer genannt. Die Bauern hatten damals teilweise schon Familiennamen, wie beispielsweise Albert Rese, Henke, Vagedes usw. Der Name Reese ist heute noch im Dorf verbreitet. Eine herausgehobene Stellung hatte der sogenannte Vogtshof. Denn zu der Zeit war Hehlen der Sitz eines kleinen Verwaltungsbezirkes, einer sogenannten Vogtei der bei Stadtoldendorf herrschenden Edelherren von Homburg, die lange sozusagen die Landesregierung unseres Gebietes waren. Das Amt Hehlen umfaßte zu ihrer Zeit insgesamt acht Dörfer, u. a. Daspe, Heyen, Kreipke, Börry, Linse, Bremke. In Hehlen gab es um 1400 schon zwei Mühlen. Von der "Hagermühle" ist zu vermuten, daß sie im Mittelalter von einem zugewanderten ortsfremden Mühlenfachmann eingerichtet worden ist. Auch die Weserfähre bestand schon im Mittelalter. Der Hehlener Wald ("Wohld") als Erbgut der Edelherren von Homburg wird 1389 urkundlich genannt.

Im Spätmittelalter wird der Landkreis Holzminden von einer lang andauernden Katastrophe mit verheerenden Folgen betroffen: Bald nach dem Jahre 1300 starben so viele Einwohner an der Pest und am Hunger, daß mehr als die Hälfte aller damals bestehenden Siedlungen hier ausgestorben sind oder verlassen wurden. Etwa 80 Wohnplätze im Landkreis sind danach nie wieder besiedelt worden. Möglicherweise sind damals auch im Raum um Hehlen zwischen Weser und Ottenstein die Siedlungen oder Dörfer Bredenrode, Groinbike, Baringen, Calmeck, Echelnbeck, W(i)ehagen und andere verlassen oder "wüst" geworden, wie der Fachausdruck lautet. An Bredenrode und Groinbike erinnern vielleicht noch die Flurnamen "Am Brönenberg" und "Im Groneke". Die Mühle in Sievershagen ist der Rest eines kleinen verschwundenen Dorfes. Die Namensendung "hagen" deutet darauf bin, daß. dieser Ort durch Rodung erst spät, wohl in der Zeit vom 12. Jahrhundert bis 1350, entstanden ist. Vielleicht waren die Neusiedler von auswärts herbeigeholte Kolonisten, die mit "Hagerrecht" ausgestattet einen freieren Status hatten als die nur halbieren Bauern (Laten oder Liten, Hörige) in Hehlen. Sievershagen wird 1344 zuerst genannt und war von 1410 bis 1771 Lehen der von Frenke und der von der Schulenburg. Das Dorf bestand im 16. Jahrhundert nicht mehr; die dort befindlichen Mühlen wurden noch bis in unser Jahrhundert betrieben (seit 1909 auch Gastwirtschaft). Um 1400 gibt es auch in der Hehlener Gemeindegemarkung zugewachsenes Ackerland, was auf Bevölkerungsverlust deutet. Einzelheiten sind bisher nicht erforscht. In den späteren Lehnsbriefen für die Herren von Frenke und von der Schulenburg werden zahlreiche Flurstücke, anscheinend um Hehlen-Sievershagen gelegen, aufgeführt, deren besonderer Charakter untersucht werden müßte (u. a. "Vogtsbreite, Dasperrod"). Im Gebiet der Wüstung Baringen wurde 1653 das Vorwerk Ovelgönne des Rittergutes erbaut - eines der ganz wenigen Beispiele für die Wiederbesiedlung eines verlassenen Wohnplatzes im Landkreis Holzminden. Der Name bedeutet "mißgönntes Landstück". Bei Echelnbeck legten die Schulenburger im 18. Jahrhundert das Vorwerk Ernestinental an.

 

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