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Nachfolgend erhalten Sie die Informationen "2000 Jahre Hehlen" -
Begleitheft zur Sonderausstellung des Landkreises Holzminden in Hehlen.


Kantorhaus Hehlen vom 23. Januar bis 20. Februar 2000 und  VB Weserbergland eG vom 25. Februar bis 17. März 2000.

2.000 Jahre Hehlen?   Im Jahre 1986 feierte die Gemeinde Hehlen ihr 1150-jähriges Bestehen.

Die Gründung Hehlens scheint aber noch viel weiter zurückzureichen.

 

Die früheren geschichtlichen Überlieferungen

Unter der Bezeichnung "Heli" findet sich in einer Schenkungseintragung des Klosters Fulda der bisher älteste bekannte schriftliche Hinweis auf den Ort.

Die Eintragung datiert in den Zeitraum zwischen 802 und 817 n. Chr. Ein weiterer Hinweis stammt aus dem Jahr 853, als ein Mönch, verbunden mit dem Ortsnamen "Heloon", in den Corveyer Traditionen eine dem Kloster Corvey zugedachte Schenkung schriftlich festhielt.

1033 nach Chr. heisst der Ort "Helan". In den folgenden Jahrhunderten nehmen die Erwähnungen zu.

 

Erste archäologische Funde

Bisher waren aus Hehlen und seiner engeren Umgebung nur wenige archäologische Bau- und Bodendenkmale aus ur- und frühgeschichtlicher Zeit bekannt.

In den letzten Jahren ist diese Zahl durch systematische Geländebegehungen erheblich angewachsen. Die Entstehungsgeschichte Hehlens kann mit den prähistorischen Funden auf Grund der grossen zeitlichen Distanz aber nicht in Verbindung gebracht werden. Erst ein 1962 in Hehlen durch die Aufmerksamkeit von Wilhelm Kohlmeier entdeckter Reihengräberfriedhof aus dem Frühmittelalter gab Anlass, die Keimzelle Hehlens in heutiger Ortslage zu vermuten. Leider wurde der Friedhof bei den Baumassnahmen unerforscht zerstört.

Der Entdecker konnte aber wenigstens noch ein Tongefäss, einen sogenannten Kumpf, der als Grabbeigabe gedeutet werden kann, sichern. Für den frühmittelalterlichen Bestattungsplatz ist deshalb nur eine grobe Datierung in das 7. Bis 9. Jahrhundert n. Chr. möglich.

 

Die neue Entdeckung

Erst 1988 entdeckte Jürgen Ohm aus Bodenwerder, Mitglied der Archäologischen Arbeitsgruppe des Heimat- und Geschichtsvereins für Stadt und Landkreis Holzminden, auf einer ausgedehnten Ackerfläche nordöstlich von Hehlen einen vor- und frühgeschichtlichen Siedlungsplatz, dessen Bedeutung für die Geschichte Hehlens sich nicht gleich zu erkennen gab.

Die nach der anfänglichen Absuche des betreffenden Geländes der Kreisarchäologie vorgelegten Lesefunde stammen aus der Jungsteinzeit (5500 bis 1800 v. Chr.), der Römischen Kaiserzeit (Chr. Geb. bis 375 n. Chr.), dem Frühmittelalter (500 bis 1000 n. Chr.) sowie dem Hoch- und Spätmittelalter (1200 bis 1500 n. Chr.). Bei weiteren Begehungen unter günstigen Witterungsbedingungen konnten künstliche Verfärbungen an der Bodenoberfläche beobachtet werden, die auf alte Siedlungstätigkeit zurückzuführen sind.

Diese ersten Ergebnisse gaben zu der Vermutung Anlass, dass hier ein Kulturdenkmal von grosser Bedeutung unter der Erde verborgen liegen könnte.

 

Spektakuläre Luftbildaufnahmen

Deshalb wurde das Gebiet im Rahmen einer archäologisch-historischen Flugprospektion mit dem Ziel überflogen, genauere Informationen über die Beschaffenheit der Fundstelle zu erhalten. Die 1988 und 1989 aufgenommenen Luftbilder führten zu spektakulären neuen Erkenntnissen. Das Bildmaterial lieferte gleich eine ganze Serie von Siedlungsspuren. So konnten Reste eines Grubenhauses, Pfostenstandspuren von grossen Wohn- Stallhäusern sowie Vorrats- und Siedlungsgruben analysiert werden. Selbst der ursprünglich bewohnte Kernbereich schält sich heraus. Auch Merkmale, die auf einen mögliche frühe Einfriedung des alten, besiedelten Areals hindeuten, sind zu erkennen. Die Ausdehnung des grossen Kulturdenkmals beträgt nach diesen Befunden mindestens 400 m x 130 m.

 

Planmäßige Begehungen

Nach Auswertung der Luftbildaufnahmen konnten in den folgenden Jahren jeweils im Frühjahr und Herbst, wenn das Ackerland durch die mechanische Bearbeitung des Bodens mit dem Pflug frisch umgebrochen und gut abgeregnet war, gezielte Begehungen der Bodenoberfläche vorgenommen werden. Nach und nach zeigte sich, dass die auf dem Acker festgestellte Streuung der Funde sich nahezu mit den in den Luftbildern sich abzeichnenden Siedlungsspuren deckt. Bis heute liegen aus relativ wenigen Begehungen allein 6.500 archäologische Funde vor. Den Hautteil an der materiellen Hinterlassenschaft unserer einst hier siedelnden Vorfahren bilden die Keramikscherben aus verschiedenen Zeitepochen. Daneben sind auch Feuersteinartefakte, Gegenstände aus Metall und Tierknochen von der Ackeroberfläche geborgen worden.

 

Germanisches Dorf unter der Erde

Abgesehen von einer wohl schon in vorgeschichtlicher Zeit erfolgten Nutzung des Geländes, scheinen die Hauptbesiedlungsphasen in der Zeit nach der Geburt Christi zu liegen. Die überwiegende Zahl der Bodenfunde lag im Bereich der Im Luftbild vorhandenen Bodenverfärbungen der Häuser und Gruben. Ihr Alter weist in die Römische Kaiserzeit (Chr. Geb. bis 375 n. Chr. ). Die Datierung belegen Fragmente von vielen reich verzierten Gefässen und ein römischer Silberdenar, Antoninus Pius für Faustina II, geprägt in Rom zwischen 155 und 161 n. Chr. Diese Befunde und ersten Forschungsergebnisse weisen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit darauf hin, dass hier die Relikte eines ganzen germanischen Dorfes unter der Ackeroberfläche liegen. Aufgesammelter verzierter Lehm mit Abdrücken von Weidengeflecht erlaubt Rückschlüsse auf die Bauweise der Häuser. Die Menschen lebten vom Getreideanbau und der Viehzucht.

 

Silberdenar des Kaisers Antoninus Pius für Faustina II. (Prägezeitraum 155 bis 161 n. VChr.).

Zu den Lesefunden zählende Tierknochenstücke erlauben nach ihrer Bestimmung einen Blick auf den Speisezettel der Germanen.

Im Dorf arbeitete vielleicht ein Schmied. Eisenschlacken deuten das an. Auch Schleifsteine gehören zum Fundstoff. Spinnwirtel belegen das Spinnen und Weben als Handwerk.

 

Spuren der Völkerwanderung

Neben der römischen Silbermünze mit der Kaiserin Faustina II ist noch ein Metallfund von aussergewöhnlicher historischer Bedeutung geborgen worden. Es handelt sich dabei um eine Tierkopfschnalle aus einer Kupferlegierung aus der Zeit um 400 n. Chr. Die Schnalle gehörte ursprünglich wohl zu einer ganzen römischen Gürtelgarnitur. Wahrscheinlich ist es eine jener im "Freien Germanien" angetroffenen Stücke, die einst in römischen Dienst stehende germanische Söldner erworben haben könnten. Solch ein germanischer Söldner wäre danach mit einer entsprechenden prunkvollen Gürtelgarnitur als erfolgreicher Krieger in sein Dorf nach "Hehlen" zurückgekehrt. Das war vor 1600 Jahren!

 

Siedlungskontinuität bis ins Mittelalter

Die komplette Auswertung der zusammengetragenen Funde hat zu dem überraschenden Resultat geführt, dass sich die Besiedlungsdauer an diesem Fundplatz mindestens bis ins 10. Jahrhundert fortsetzt. Die Anzeichen für ein Fortbestehen darüber hinaus bis ins 12. / 13. Jahrhundert nehmen stetig zu. Neben einem grossen, im Luftbild zu sehenden frühmittelalterlichen Grubenhaus scheinen sich auch noch weitere Befunde mittelalterlicher Wohnhäuser anzukündigen. Spinnwirtel und dicke Webstuhlgewichte setzen schon für die römische Kaiserzeit belegbare Traditionen fort. Zu den im Frühmittelalter auftretenden Gefässformen wird der Kumpf und der Kugeltopf gerechnet. Der Kugeltopf findet auch noch im Hoch- und Spätmittelalter Verwendung. Waffen, wie Pfeil und Bogen, sind über eine eiserne Pfeilspitze nachweisbar. Die aufgelesenen eisernen Schlacken und die Tierknochen können auch zur mittelalterlichen Siedlungsphase gehört haben.

 

Wie alt ist Hehlen wirklich?

Relativ sicher von der archäologischen Forschung zu belegen ist, dass auf dem Gelände am Ortsrand der heutigen Gemeinde Hehlen schon in vorgeschichtlicher Zeit, mindestens aber seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. fortlaufend bis ins Ende des 10. Jahrhunderts, wahrscheinlich sogar bis ins 12. / 13. Jahrhundert, gesiedelt worden ist. Würden sich diese Ergebnisse bestätigen, dann wäre, über den grossen historischen Wert hinaus, dieses ein ungewöhnlich bedeutender Glücksfall für Hehlen. So könnte der Ort möglicherweise über die mittelalterliche Vorgängersiedlung, die sich ja auch schon in den frühesten Schriftquellen manifestiert, hinausreichend, die Suche nach seiner Keimzelle bis zur germanischen Siedlung der Römischen Kaiserzeit unterbrechungslos zurückführen. Das wäre eine einmalige Chance, die Hehlen zum exemplarischen Beispiel in der Geschichtsforschung werden lassen könnte.

 

Zerstörung des Kulturdenkmals

Die jahrelange Beobachtung des Fundplatzes hat besonders in den Jahren 1997 und 1998 deutlich werden lassen, dass der Zerstörungsgrad der unter Ackerland liegenden Siedlungsstelle durch weiteres Pflügen und die zusätzliche Düngung immer mehr zunimmt. Der stete Eingriff des Pfluges in den Untergrund zerstört die Gefässe und zerkleinert die Keramik immer mehr. Weiterer Verlust entsteht dadurch, dass die in der Bodenoberfläche verbrachte Keramik vom Bodenfrost zerstört wird. Beschleunigt von den künstlichen Düngungen werden die Metallobjekte zersetzt. Durch die mit starken Regenfällen verbundene schleichende Bodenerosion setzt sich auch der Abtrag der Bodenverfärbungen fort. Diese ermöglichen der Archäologie erst z. Bsp. den Standort, die Grösse, die Form und die Nutzung der Häuser, die Verwendung der Vorratsgruben, die Werkstattplätze, die Umzäunungen, die Verbindungswege und anderes mehr in ihrem Aussehen, ihrer Lage zueinander und ihrer Funktion zu analysieren.

 

Warum eine archäologische Ausgrabung?

Die hier kurz angerissenen ersten Forschungsergebnisse bilden lediglich einen Bruchteil von dem, was tatsächlich zur Entstehungsgeschichte Hehlens an Erkenntnissen gewonnen erden könnte. Aber nur eine archäologische Ausgrabung kann den Wissenstand erheblich erweitern und der endgültigen Zerstörung dieses hochrangigen Kulturdenkmals zuvorkommen. Für die Gemeinde Hehlen ist das eine einmalige, unwiederbringliche Chance, Aufschluss über ihr tatsächliches Alter und ihre historische Bedeutung zu erhalten.

 

Literatur

F. Berger, "Die Kaiserin von Hehlen". Ein römischer Silberdenar. Jahrbuch für den Landkreis Holzminden 10/11, 1992/1993, 1-2; 

H.-W. Böhme, Germanische Grabfunde des 4. Bis 5. Jahrhunderts zwischen Elbe und Loire (München 1974); 

H.-J. Hässler (Hrsg.), Urgeschichte in Niedersachsen (Stuttgart1989); 

A. Hegge, Fliegen-Finden-Forschen. Luftbildarchäologie in Südniedersachsen (Hannover 1994); 

C. Leiber, Eine Siedlung der jüngeren Römischen Kaiserzeit bei Hehlen. Jahrbuch für den Landkreis Holzminden 18, 2000, 11-16. Titelbild: Siedlung bei Hehlen, Umzeichnung nach Luftbild.

 

Informationen

Für die Begutachtung von Bodenfunden stehen wir Ihnen jederzeit gern zur Verfügung und freuen uns über Ihren Besuch 
© Landkreis Holzminden - Archäologische Denkmalpflege, Kulturzentrum Weserraissance-Schloss Bevern, D-37639 Bevern, Tel.: 05531/9940-16, Fax: 05531 / 9940-20

 

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